Roadtrip mit zwei Beinen

Frisch mit dem Oscar für „Toy Story 4“ als bestem Animationsfilm ausgezeichnet, kommt von Pixar am 5. März schon der nächste Animationshit ins Kino. Auf der Berlinale feiert der magische „Onward“ seine Weltpremiere.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Zwei Elfen-Brüder gehen auf die Suche nach einem magischen Stein – gemeinsam mit der unteren Körperhälfte ihres verstorbenen Vaters. So weit, so abgefahren. Aber kann das funktionieren?

Der Regisseur Dan Scanlon hat in „Onward“ zusammen mit Pixar eine Welt geschaffen, die von Fabelwesen bewohnt wird – darunter Elfen, Trolle, Feen und Einhörnern – und in der es einst Magie gab. Doch durch die Industrialisierung und Technisierung dieser Welt haben die Wesen die Magie vergessen und verlernt. Anstatt den Lichtzauber zu erlernen, werden Glühbirnen erfunden und benutzt. Zentauren rennen nicht mehr mit hohen Geschwindigkeiten zu ihrem Ziel, sondern quetschen sich in ihre Autos. Und Feen fliegen nicht mehr durch die Luft, sondern düsen auf ihren Motorrädern durch die Gegend. Wie ein fremder Mythos, eine entfernte Sage erscheint die Magie.

In dieser Welt versucht der schüchterne Teenager-Elf Ian irgendwie erwachsen zu werden. Er tut sich schwer damit, Freunde an der Schule zu finden, macht sich viel zu viele Gedanken darüber, was andere von ihm halten. Er kriegt es nicht einmal hin, ein paar Mitschüler zu seiner Geburtstagsfeier einzuladen. Seine Körperhaltung – hängende Schultern unter dem rot-karierten Hemd und leicht gebeugte Knie unter der knittrigen, unten umgeschlagenen Skinny-Jeans – strahlt alles andere als übermäßiges Selbstbewusstsein aus.

Sein einige Jahre älterer Bruder Barley hingegen scheint das komplette Gegenteil zu sein: rockige Jeansjacke mit Aufnähern, eine Mütze, unter der überall Haare hervorquellen, um den Arm ein Stachelarmband. Er ist mindestens drei Mal so breit wie sein Bruder. Barley ist von sich überzeugt und ein Nerd in jeglicher Hinsicht: Er spielt das Strategiespiel Quests of Yore, fährt einen mit einem gemalten Einhorn verzierten Van, den er liebevoll Gwniver nennt, und glaubt dran, dass es Magie früher wirklich gab. Im Gegensatz zu Ian konnte Barley ihren Vater noch kennenlernen, bevor dieser an einer Krankheit früh verstarb.

An Ians 16. Geburtstag bekommen die Brüder durch einen besonderen Stein die Möglichkeit, ihren Vater für einen Tag zurückzubekommen. Dabei geht allerdings etwas schief, und so kehrt der ersehnte Vater nur zur Hälfte zurück, ab der Hüfte abwärts. Was es jetzt braucht, ist ein zweiter magischer Stein, damit auch der Oberkörper zurückkehrt. Und zusätzlich tickt ab jetzt die Uhr, denn in 24 Stunden wird der Vater komplett verschwunden sein, egal ob vorher vervollständigt oder nicht. Also Hundeleine an den Gürtel geclipt, hinein in den Einhorn-Van und los geht die Quest der Brüder.

Auf der Reise lernen die Jungs ihren Vater besser kennen, durch sanftes Abtasten der Füße oder gemeinsames Tanzen mit den Beinen. Aber auch die Brüder lernen sich noch mal ganz neu kennen und schätzen, sie erfahren, was sie wirklich aneinander haben. „Onward“ ist ein Film über Vorbilder und prägende Gestalten – egal ob Mutter, Vater oder großer Bruder. Ian und Barley ergänzen sich dabei auf der Suche gegenseitig: Barley kann mit seinem Spezialwissen in der magischen Welt punkten und kennt die Zaubersprüche auswendig. Ian hat das magische Potential von seinem Vater geerbt und kann dieses unter Anleitung seines Bruders ausschöpfen. Die beiden brauchen einander, um gemeinsam ans Ziel zu kommen. Auf dem Weg dorthin gehen viele Dinge schief. So schrumpft Ian aus Versehen zwischenzeitlich seinen Bruder, sie geraten in eine Polizeikontrolle und legen sich mit einer aggressiven Biker-Feen-Gang an. Mit Magie und etwas Glück kommen sie jedes Mal davon.

Nicht fotorealistisch animiert wie in „Toy Story 4“, aber mit dem ganz eigenen Charme einer Welt magischer Gestalten, in der Autos fahren und Flugzeuge fliegen, hat „Onward“ einen ganz besonderen Look. Die Stadt, in der die Lightfoot-Brüder wohnen, heißt Mushroomtown, und ist umringt von hohen, spitz zulaufenden Bergen, am Himmel stehen zwei Monde.

Der Detailreichtum, den Pixar hier wieder auffährt, ist enorm. Einzelne Fasern an Pullovern und Hemden, kleine Härchen auf den Gesichtern, Wände, die nicht perfekt verputzt sind, an denen einige Flecken zu sehen sind. Obwohl „Onward“ eine phantastische Welt präsentiert, hat man beinahe das Gefühl, diese Welt müsse existieren, so umfassend ausgestaltet, wie ist sie.

Die bewegende Geschichte von Ian und Barley hat aber auch sehr viel Humor. Vor allem der Slapstick mit dem Unterkörper des Vaters ist sehr einfallsreich. Auch Umkehrungen bekannter, magischer Gestalten wie den in den Straßen streunenden, wilden Einhörnern, die wie Hunde den Müll durchwühlen oder später in einer Höhle wie aufgeschreckte Fledermäuse davonfliegen, sind clever durchdacht.

Für die beiden Brüder wird derweil die Zeit immer knapper. Irgendwann geht es nicht mehr um Stunden, sondern nur noch um Momente mit ihrem Vater. Die 24 Stunden, um auch den restlichen Körper zurück zu zaubern, neigen sich dem Ende entgegen. Die Magie kehrt dabei im Laufe des Films nach und nach in die Welt zurück. Die Magie, die Pixar mit „Onward“ geschaffen hat, muss allerdings nicht wiederentdeckt werden, sondern ist direkt von Anfang an spürbar. Der Zauber funktioniert.

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