Angst lässt Seele klingen

Berlinale: Der argentinische Wettbewerbsbeitrag „El prófugo“ von Natalia Meta untersucht die traumatisierte Seele der Synchronsprecherin Ines auf visueller und auf klanglicher Ebene.

Von Pablo Bücheler

Von Pablo Bücheler

Von Pablo Bücheler

David Pablo Bücheler

Die Welt von Inés (Érica Rivas) ist von Stimmen umgeben. Sie selbst beherrscht als Synchronsprecherin und Sängerin die Klaviatur der Stimmfarben in Perfektion. In einem Tonstudio in Buenos Aires spricht sie Rollen für große Hollywoodproduktion, aber auch für japanische Softpornos und Splatterfilme. Von ihrem nervtötenden, narzistischen Freund Leopoldo will sich Inés während Strandurlaubs trennen. Dann aber kommt alles anders. Leopoldo fällt während eines Streits im Urlaub vom Hotelbalkon. Ob er wirklich fiel oder sprang oder doch von einem Eindringling gestoßen wurde, bleibt unklar. In Inés hinterlässt der tragische Vorfall ein Trauma, das sich vor allem auf ihre Stimme niederschlägt. Beim Singen verrutschen die Töne, der Ausdruck wird brüchig. Im Tonstudio bemerkt der Aufnahmeleiter seltsame Störgeräusche bei Inés Aufnahmen, die isoliert wie eine weitere männliche Stimme klingen.

Inés vermutet einen „prófugo“, also einen Eindringling, der ihren Körper und ihren Geist in einem dämonischen Bann hält und ihr albtraumhafte Halluzinationen beschert. Zunehmend verwischen für Inés die Grenzen zwischen Realität und Einbildung. Dann tritt der Orgelstimmer Alberto (Nahuel Pérez Biscayart) in ihr Leben und sie beginnen eine leidenschaftliche Affäre. Aber in Inés wächst der Zweifel, ob Alberto wirklich der ist, der er vorgibt zu sein.

Natalia Metas „El prófugo“ ist ein Spiel der Täuschungen auf klanglicher wie auch auf visueller Ebene. Kaum eine Kameraeinstellung zeigt eine Totale. Detailaufnahmen im engen Tonstudio. Gesichter in Nahaufnahme. Der Zuschauer ist dadurch wie Inés einer zunehmenden Orientierungslosigkeit ausgeliefert. Das setzt sich auch auf inhaltlicher Ebene fort: „El prófugo“ ist mal Erotikthrilller, mal Komödie, mal Liebesfilm.

Durch ihre experimentelle Erzählweise gelingt es  der Regisseurin Natalia Meta, das klassische Motiv der traumatisierten Psyche mit einer großen Leichtigkeit darzustellen, ohne das Thema dadurch zu bagatellisieren.  Das Trauma fungiert nicht wie so oft als Grundlage für psychologisierendes Effektkino. Der Zuschauer durchläuft „El prófugo“ mit Inés das Verwirrspiel von Traum und Einbildung und stellt sich bald dieselben Fragen wie die Hauptfigur: Wer ist der Eindringling und wenn es ihn gibt, will er überhaupt Böses? Der Film lässt diese Fragen offen und ist gerade deswegen ein gelungener Blick auf eine ins Wanken geratene menschliche Seele. Das Trauma macht er auch zu einem klanglichen Erlebnis.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.