Perfide Erinnerung

Berlinale: In Vadin Perelmans „Persian Lessons“ gibt der internierter Jude Gilles einem SS-Hauptsturmführer Persischunterricht. Dabei stammt Gilles aus Belgien und spricht gar kein Farsi. Um zu überleben ist er gezwungen, eine Fantasiesprache zu erfinden – und muss sie gleichzeitig selbst lernen.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Am Anfang stand ein persisches Buch. Der junge Gilles tauscht es auf der holpernden Ladefläche eines Lastwagens gegen ein halbes Stück Brot ein. Gerade war der belgische Jude von der SS aufgegriffen und mit vielen Leidensgenossen abtransportiert worden. Die Fahrt endet rasch, in einem Waldstück, wo das Erschießungskommando seine Opfer aus dem Wagen zerrt und an den Abgrund stellt. Während die Soldaten routiniert morden, lässt sich Gilles fallen wie ein Toter, wird wieder auf die Beine gezogen und schreit in Todesangst: „Ich bin kein Jude, ich bin Perser!“ So unvorhergesehen, wie das Leben manchmal spielt, sucht Hauptsturmführer Klaus Koch gerade nach einem Perser. Er braucht jemanden, der ihn Farsi lehren kann. Sechs Büchsen eingelegtes Fleisch sind als Belohnung demjenigen versprochen, der ihm einen Perser nennt. Das getauschte Buch reicht als Qualifikationsnachweis erst mal aus.

Der Film „Persian Lessons“ des Regisseurs Vadim Perelman basiert auf der Erzählung „Erfindung einer Sprache“ des Drehbuchautors Wolfgang Kohlhaase, der 2010 auf der Berlinale für sein Lebenswerk geehrt worden ist. Er ist bekannt für seine authentischen Geschichten voller Dialoge, die ein ironischer, melancholischer und zuweilen bitterer Witz prägt. Dieser steckt in aller Absurdität auch in dieser literarischen Vorlage, die der ukrainisch-amerikanische Regisseur Perelman nach „Haus aus Sand und Nebel“ und „Das Leben vor meinen Augen“ für seinen dritten abendfüllenden Film wählte.

Vor dem Krieg war Hauptsturmführer Klaus Koch Chefkoch. Nach Kriegsende, so träumt er, wandert er nach Teheran aus, versöhnt sich mit seinem dort lebenden Bruder und eröffnet ein eigenes Restaurant. Heute verantwortet er die Verpflegung der Offiziere im Durchgangslager. Farsi zu lernen, verhaftet seinen Traum von einem neuen Leben in der Realität. Die Rolle des Nazis, der die Weichen falsch gestellt hat, als er noch die Wahl hatte und den Sadismus, Machtanspruch und gestörte Selbstwahrnehmung zu einem treuen Vertreter des Systems machen, füllt Lars Eidinger aus. Mehr noch: Schicht für Schicht legt er einen Menschen frei, der Scheuklappen aufsetzt, um die eigene Haut zu retten. Doch nicht alles Gefühl lässt sich so einfach ausblenden. Über seinen Lehrer Gilles hält er schützend die Hand, füttert ihn mit Extrarationen und rettet ihn vor der Deportation. Und er verliebt sich in die Poesie einer Sprache, die es gar nicht gibt.

Bis in die Schweiz hat es Gilles, der Sohn eines Rabbiners aus Antwerpen, nicht geschafft. Die Notlüge im Wald macht aus ihm Reza Joon aus Persien, und ihre Tragweite wird ihm erst bewusst, als Koch ihm seinen Plan vorlegt: Vier neue Wörter will er am Tag lernen. Also 28 in der Woche, 112 im Monat, 1344 im Jahr. Fein säuberlich notiert Koch die ersten schnell ausgedachten Wörter auf Karteikarten. Vergisst Gilles selbst ein einziges, wird er erschossen. Die Eselsbrücke, die er ersinnt, sorgt für den großen Gänsehautmoment am Ende des Films: zu Gilles weiteren Aufgaben gehört es, die Namen der Lagerinsassen in ein Register zu übertragen. Und so setzt er einzelne Silben der Namen zu Worten zusammen. Die Sprache, die Koch bald fließend brabbelt und für Farsi hält, ist stilles Andenken. Als die amerikanischen Befreier Gilles fragen, ob er sich an Einträge aus den verbrannten Büchern erinnern kann, weiß er 2840.

Auf dieser Berlinale ist der argentinische Schauspieler Nahuel Pérez Biscayart mit zwei Filmen vertreten, neben „Presian Lessons“ ist auch „El prófugo“ zu sehen. Sie belegen sein großes Talent. Der 1986 in Buenos Aires geborene, 2018 bei den Césars als bester Nachwuchsdarsteller ausgezeichnete Schauspieler beherrscht es, Verhältnismäßigkeiten auszunutzen. Wo Lars Eidinger Platz einnimmt, gibt er Raum und erobert ihn sich zurück, sobald die Zeit dazu gekommen ist. Zum Beispiel, wenn er mit großen dunklen Augen den Namen auf der Liste Schicksale zugesteht oder Koch mit festem Blick ins Gesicht sagt, dass er ein Mörder ist. Die fein aufeinander abgestimmte Interaktion zwischen Biscayart und Eidinger ist große Stärke des Films.

Den Umstand, dass eine Sprache nicht nur daraus besteht, auswendig gelernte Vokabeln aneinanderzureihen, sondern auch eine zumeist komplexe Grammatik dazugehört, lässt der Film unter den Tisch rutschen. Auch begnügt er sich damit, die Nebenfiguren eindimensional und klischeebehaftet an der Peripherie agieren zu lassen. Leonie Bennesch als stutenbissiges Fräulein Stumpf und Jonas Nay als chauvinistischer Rottenführer Beyer mit Profilierungssucht machen Handlungsstränge auf, die plakativ wirken, aber dennoch der Unmenschlichkeit ihrer Umgebung entsprechen. „Persian Lessons“ wurde dem deutschen Publikum am Eröffnungswochenende des internationalen Filmfestes in Berlin präsentiert. Lars Eidinger brach auf der Pressekonferenz die Stimme, als er von der hasserfüllten, missgünstigen und vergifteten Stimmung in der modernen Gesellschaft sprach. Ihm ginge es darum, dem etwas entgegenzusetzen. Liebe in die Welt zu tragen, wenn die Gefahr droht, dass Geschichte sich wiederholt. Filme wie dieser eignen sich dazu, emotionalen Zugang zu einem breiten Publikum zu bekommen. Wer fragt da schon, ob die Grammatik stimmt?

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