Die Magie der Fanpost

Eine Bestseller-Verfilmung zum Auftakt der Berlinale: Philippe Falardeau inszeniert Joanna Rakoffs „My Salinger Year“ als Ode an das Geschichtenerzählen.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Eigentlich will Joanna Rakoff (Margaret Qualley) Schriftstellerin werden. Statt aber ihren Traum zu verfolgen, arbeitet sie als Assistentin der Chefin einer Literaturagentur in New York. Sie tippt für sie Memos ab, verschickt Briefe, beantwortet das Telefon. Aber vor allem ist sie für die Fanpost des von der Agentur vertretenen Bestsellerautoren Jerry Salinger verantwortlich – obwohl sie noch nie etwas von ihm gelesen hat. Die Briefe soll sie gründlich durchgehen und anschließend mit einem darauf passenden Standardschreiben beantworten. Denn Salinger lebt zurückgezogen, gibt keine Interviews, hat schon ewig nichts veröffentlicht. Und beantwortet keine Fanbriefe.

Zu Beginn des Films, im Herbst 1995, zieht Joanna von Berkeley nach New York, um sich aufs Autorinnensein zu konzentrieren. Doch um Geld zu verdienen, nimmt sie den Job in der Literaturagentur an und hat schon bald gar keine Zeit mehr zum Schreiben. Konsterniert stellt sie im wiederkehrenden, übererklärenden Voice-Over fest: „Letʼs face it: I was a secretary.“ Außerdem verschweigt sie ihrer Chefin Margaret (Sigourney Weaver) ihre eigenen Träume, denn die sagt ihr direkt zu Beginn: „Writers make the worst assistants.“

Der Eröffnungsfilm der 70. Berlinale von Regisseur Philippe Falardeau ist ein Film über die Leidenschaft am Schreiben. Über das Verfolgen der eigenen Träume. Die Coming-of-Age-Story einer jungen Autorin, die das Schreiben aus den Augen verliert und es wiederfinden muss. „My Salinger Year“ basiert auf dem 2014 erschienenen, gleichnamigen Buch von Joanna Rakoff, in dem sie ihre eigenen Erfahrungen aus den Neunzigerjahren aufgeschrieben hat.

Die Anfang 20-Jährige Joanna schafft es schnell, ihre kühle Chefin von sich zu überzeugen. Sie arbeitet viel und hart, übernimmt Verantwortung. Die Grenze zwischen beruflicher Professionalität und persönlicher Nähe zieht Margaret allerdings sehr deutlich. Beim Essen mit einer Autorin winkt sie ein Arbeitskollege dazu, obwohl gerade alte, private Geschichten ausgetauscht werden. Direkt wird Joannas Chefin kühler und schickt die junge Angestellte nach nur ein paar Momenten unter einem Vorwand wieder weg. Sigourney Weaver spielt Margaret als eine taffe Frau, die nach Außen nichts von ihrem Inneren preisgibt. Mal zollt sie Joanna Respekt, indem sie ihr zutraut, ein Manuskript zu lesen oder von ihr eine ernsthafte Meinung haben will. Mal behandelt sie Joanna streng und unfair. Sie ist eine Light-Version von Meryl Streeps Miranda aus „Der Teufel trägt Prada“. Weaver ist zudem für einige Lacher zuständig, wenn sie, wir sind mitten in den Neunzigern, E-Mails nur als Trend sieht und findet, Computer machten nur mehr Arbeit.

Joanna liest fortlaufend immer mehr Fanpost, oftmals von den gleichen Fans. Sie erhält dadurch Einblicke in die Schicksale einzelner Menschen: ein Vietnam-Veteran, der von seinen Kriegserfahrungen berichtet. Eine Frau, deren Tochter an Leukämie gestorben ist. Oder ein junger Mann, der an Depressionen leidet. Die Verfasser der Briefe sind dabei zu sehen und sprechen das Geschriebene direkt in die Kamera. Teilweise, aber zu inkonstant und dadurch zu plötzlich, tauchen sie als imaginierte Gestalten in Joannas Leben auf und verdeutlichen so, wie sehr die Fanpost sie in ihrem Privatleben beschäftigt.

Joanna empfindet Mitleid für die Menschen; sie ist es leid, Standardantworten zu versenden und möchte helfen. Das Geräusch beim Schreddern der mühevoll verfassten Briefe wird für sie unerträglich. So setzt sie ihren Job aufs Spiel, schreibt privat zuhause Antworten an die Absender. Die erhoffte Dankbarkeit erhält sie nicht, erwarten die Briefeschreiber doch nur eine Antwort von Jerry Salinger und sonst niemandem.

Zeitgleich telefoniert sie immer wieder mit diesem. Er motiviert sie dazu, das Schreiben nicht aus den Augen zu verlieren. Jeden Tag solle sie schreiben, mindestens 15 Minuten am Morgen. Als ihr neuer Freund, mit dem sie überstürzt zusammenzieht und der – obwohl ziemlich uninteressant – trotzdem viel Leinwandzeit bekommt, sein Buch fertigstellt, während sie an gar nichts schreibt, stürzt sie das in eine existentielle Krise.

Aber Jerry Salingers Stimme stärkt sie am Telefon immer wieder in ihrem Bestreben: „Youʼre a writer, not a secretary“, sagt er zu ihr und wird zu ihrem Mentor, obwohl sie einander noch nie getroffen haben.

Am Ende sind es vor allem ihre Chefin, Jerry Salinger und die vielen unbekannten Briefeschreiber, die Joanna Rakoff in dieser Phase ihres Lebens geprägt haben. Kurz bevor sie ihren Job als Sekretärin beendet mit den Worten: „I really like this job, but I have other things to do. And Iʼm afraid that if I donʼt do them now, I never will”, trifft sie Salinger doch noch. Sein Gesicht sieht man den ganzen Film über und auch hier nicht, sondern immer nur seine Umrisse. Salinger bleibt der Mensch im Hintergrund, der zwar nie vollkommen auftritt, dessen Aura aber trotzdem den Film beherrscht.

Dass die Entscheidung von Joanna Rakoff, sich vollends auf das Schreiben zu konzentrieren, die richtige war, ist unbestritten: Ihr Buch „My Salinger Year“ wurde zu einem internationalen Bestseller. Der Film wird vermutlich nicht an diesen großen Erfolg anknüpfen können, sorgt aber für einen sanften und niemanden verschreckenden Auftakt der diesjährigen Berlinale.

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