Baby im Bombenhagel

Waad al-Kateab hat fünf Jahre lang ihr eigenes Leben dokumentiert. Ihr Film „Für Sama“ zeigt, wie sie, ihre kleine Familie und die gesamte Bevölkerung von Aleppo zu überleben versucht. Es ist ein Film der größtmöglichen Brutalität – und der kleinen Glücksmomente.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Die Kamera ist dabei, als die Proteste beginnen und zeigt, wie brutal die Regierung Assad dagegen vorgeht. Sie filmt Bombardierungen und den Versuch der Menschen, ein normales Leben in der belagerten Rebellenhochburg Aleppo zu führen. Vor allem aber hält sie eine Geschichte fest – die von Waad al-Kateab. Die junge syrische Wirtschaftsstudentin wird zur Journalistin und Aktivistin. Sie beschließt, mit ihrem Smartphone und später einer Videokamera die politischen Aufstände festzuhalten. Es ist der Beginn einer fünfjährigen Dokumentation ihrer eigenen Erlebnisse in ihrer Heimatstadt Aleppo. Sie verliebt sich in den befreundeten Arzt Hamza, heiratet und bringt ihre Tochter Sama zur Welt. Inmitten all des Terrors und der Angst entsteht neues Leben. Und gleichzeitig die Angst, dieses neue Leben wieder zu verlieren.

Waad filmt im improvisierten Krankenhaus ihres Mannes. Da, wo die Verwundeten nach Bombenangriffen hingebracht werden. Sie filmt verstümmelte Körper, tote Kinder, Notoperationen, schreiende Mütter, die ihre Kinder verloren haben, Geschwister, die fassungslos danebenstehen. Sie hält die Kamera drauf in den Momenten, die für viele zu den Schlimmsten in ihrem Leben gehören. Diese Menschen reagieren auf die Kamera, die fast immer ein aktiver Teil der Szene ist, nie ablehnend. Jeder will, dass die Welt von dem katastrophalen Zustand und der humanitäre Katastrophe erfährt.

Diese schrecklichen Momente sind noch effektiver, weil immer die Angst mitschwingt, es könnte Sama etwas passieren. Im Voice-Over versucht Waad ihrer Tochter, für die sie den Film macht, zu erklären, warum sie für so viele Jahre im Kriegsgebiet geblieben ist. Warum sie ihr eigenes Leben, das ihres Mannes und auch das ihrer Tochter riskierte. In Samas Namen, die noch zu jung ist, sich solche Gedanken zu machen, fragt sie: „Wieso hast du mich geboren? Nichts als Krieg, seitdem ich da bin“, und versucht Antworten zu finden.

Waad erzählt, wie sie an eine Revolution glaubte. Wie sie Hoffnung hatte, dass alles besser werden würde. Wie diese Hoffnung zusammenbrach. Und wie sie einfach nicht gehen konnte. Ihr Mann Hamza betreibt das letzte noch intakte Krankenhaus in Aleppo, erzählt, wie die Russen systematisch acht von neun Krankenhäusern zerstörten, um die Menschen zu demoralisieren. Waad ist als Informantin über diese Situation für das Ausland unverzichtbar.

Beide sehen sich in der Verantwortung, den Menschen und der Heimat gegenüber und bringen sich dadurch in Gefahr. Auch die Armee weiß, wer Hamza und Waad sind. Als die Regierungstruppen nur noch eine Straße vom Krankenhaus entfernt sind, wird ihr geraten: „Gib Sama weg. Ihre Chancen sind größer, wenn sie nicht wissen, wer ihre Eltern sind.“ Sama wird zur Tochter des gesamten Krankenhauses, zum Symbol der Hoffnung.

Und inmitten der Ruinen von Aleppo, wo tagtäglich Menschen durch Bombenhagel sterben, eine befreundete Familie nur noch Reis zu essen hat, der von schwarzen kleinen Käfern nur so wimmelt, inmitten dieses Horrorszenarios hält Waad kleine Glücksmomente fest. Das Spielen mit der Tochter, liebevolle Momente mit ihrem Mann und auch der Galgenhumor der verbliebenen Bewohner, die im Kriegsgebiet Witze über ihre eigene Situation machen. Am Heftigsten, aber auch am Schönsten ist eine Szene, in der eine schwangere Frau durch einen Bombeneinschlag so schwer verwundet wird, dass ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden muss. Das Kind wird herausgezogen, ist ganz braun und schlammig durch den Staub. Es atmet nicht, die Mutter zeigt ebenso keine Reaktion. An einem Bein wird das Baby kopfüber gehalten, hängt dort, wie ein totes Stück Fleisch. Immer weiter, unaufhörlich wird ihm auf den Rücken gehauen. Keine Regung. Die letzte Hoffnung scheint schon verloren, Mutter und Kind totgeglaubt, da fängt das Neugeborene doch noch an zu schreien. Und selbst die schwer verwundete Mutter überlebt.

Es sind solche persönlichen Geschichten, die Waad festhält, die den Film so stark machen. Die meisten Geschichten gehen aber nicht positiv aus. „Für Sama“ zeigt die höllengleiche Situation, aber gibt den Menschen Gesichter, behält die Menschlichkeit.

Trotzdem ist es unglaublich frustrierend, wenn Waad ihre Geschichten online teilt und konsterniert feststellt: „Millionen Menschen sehen meine Berichte, aber niemand unternimmt etwas.“

Sie und ihr Mann Hamza leben heute mit ihren mittlerweile zwei Kindern in London. Sie wollten bleiben, den Bürgerkrieg durchstehen, beim Wiederaufbau helfen. Doch sie mussten gehen, weil Aleppo ausgehungert und bombardiert wurde, bis es kaum noch Widerstand gab und auch die Letzten zur Flucht gezwungen wurden.

Der so persönliche und reflektierte Blick von Waad al-Kateab auf das Kriegsgeschehen in Syrien tut weh. „Für Sama“ muss wehtun. Genau deshalb sollte man ihn sehen.

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