Bis zum Ende des Regenbogens

Einfühlsam und stimmgewaltig verkörpert Renée Zellweger im Biopic „Judy“ die amerikanische Leinwand-Diva Judy Garland, der es nie gelungen ist, im wirklichen Leben anzukommen.

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Von Katinka Holupirek

Das Biopic „Judy“ feierte seine Premiere im August 2019 Telluride Festival in Colorado, rechtzeitig zu einem runden Geburtstag: 80 Jahre zuvor war der „Zauberer von Oz“ in den amerikanischen Kinos angelaufen. Die fantastische Reise der kleinen Dorothy Gale, die es aus Kansas ins ferne Land Oz verschlägt, hat Kinogeschichte geschrieben. Und zwar inklusive Welthit.

Als in „July“ die Anfangsakkorde von „Somewhere over the rainbow“ ertönen, geht ein sichtlicher Ruck durch den Zuschauerraum eines Londoner Auditoriums. Judy Garland alias Renée Zellweger singt für ihr Publikum, Jahrzehnte nach dem Erfolg des „Zauberers von Oz“. Ein nur widerwillig angenommenes Engagement hatte die Schauspielerin und Sängerin 1968 auf eine Tournee nach Großbritannien geführt.

Diese abzulehnen, kommt nicht in Betracht. Denn nicht nur die finanzielle Situation des einstigen Weltstars ist sehr angespannt. Auch gilt Judy Garland im Showbiz als unzuverlässig und disziplinlos, Auftrittsangebote kommen nur noch spärlich. Die letzten Dollar reichen gerade noch aus, um die Taxifahrt zum Haus ihres Exmanns zu bezahlen, wo zumindest die beiden Kinder einen Platz zum Schlafen finden.

Auch körperlich ist Judy Garland in schlechter Verfassung: Jahrelanger Alkoholgenuss, die Einnahme von Tabletten und Aufputschmitteln, ein Selbstmordversuch und vier Scheidungen hatten ihre Spuren an der zierlichen 47-Jährigen hinterlassen. Ihr Leben geht mehr und mehr den Bach hinunter, doch Judy Garland kann nicht anders, als das Ende des Regenbogens im Scheinwerferlicht zu suchen.

Der Regisseur Rupert Goold und sein Autor Tom Edge (dessen Drehbuch auf dem Broadway-Stück „End of the Rainbow“ basiert) legen den Schwerpunt auf Judys Zeit in London und springen nur in Einzelszenen zurück in ihre Jugend. In die aufwändige Kulisse des „Zauberers“ zum Beispiel, wo MGM-Studioboss Louis B. Mayer die 17-Jährige in formvollendeter Me-Too-Manier maßregelt, sie und ihr Gesangstalent zum Objekt der Unterhaltungsindustrie erklärt und ihr Leben bis hin zum Essverhalten kontrolliert. Dass daran Träume und Psyche zerbrechen müssen, ist klar. Viel mehr Tiefe verleihen diese Rückblicke der Handlung allerdings nicht.  Überhaupt bleiben die Figuren rund um Garland eindimensional und im Hintergrund. Ihr Exmann, ihr Neuer, ihre Tochter Liza Minelli und die Tourmanagerin: Sie fungieren lediglich als Stationen in Judys Lebensweg, ohne ihren tatsächlichen Einfluss auf ihn zu offenbaren.

Ihr Leben ist geprägt von der Bühne – und der Einsamkeit. Mit einem schwulen Pärchen, Fans der ersten Stunde, verbringt Judy spontan einen gemeinsamen Abend in deren Wohnung. Sie lachen, scherzen und singen zusammen. Dieser auf Erfolg getrimmte Mensch, der seinen Lebenszweck darin erkennt, andere zu unterhalten, sucht Nähe und gibt sie zurück.

Der Fokus auf die ältere Judy aber macht es möglich, ganz nah an diese zerbrechliche Frau heranzurücken. Und gibt Renée Zellweger die Chance zu brillieren. Es ist nicht nur der tollen Arbeit von Kostüm und Maske zu verdanken, dass sie geradezu hineinschlüpft in diese Frau. Die effektvollen Gesten für die Bühne, abrufbar für den großen Moment im Rampenlicht, scheinen ihr ebenso in Fleisch und Blut übergegangen zu sein wie der Garland, denn auch allein im Hotelzimmer, mit einem Glas Whiskey in der Hand und der sie niederdrückenden Einsamkeit auf den schwachen Schultern, lassen sie sich nie ganz ablegen. Wie Zellweger charmant den Mund schürzt, wie ein Vogel mit ihrem dünnen Körper zwischen divenhafter Eleganz und bühnenreifem Drama hin und her flattert und mit dunkler, vibrierender Stimme davon singt, dass einen das Leben manchmal mit voller Breitseite erwischt, ist mit Sicherheit preisverdächtig.

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