Der böse Fleck

Joaquin Phoenix erfindet in Todd Philipps „Joker“ eine Figur vollkommen neu, von der wir bislang dachten, wir würden sie in- und auswendig kennen.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Sich eine Figur zu eigen zu machen, das ist verdammt schwer. Noch dazu, wenn es keine historische Figur ist, die man nachspielen könnte, deren Mimik und Gestik man akribisch studieren könnte, deren Bart und Korpulenz einfach angezogen und aufgeklebt werden könnten. Eine ganz eigene Figur zu kreieren, noch dazu, wenn es eine Comicvorlage und schon zwei Filme mit Hollywoodgrößen gibt  (Jack Nicolson und Heath Ledger, die Namen könnte man schon mal gehört haben).

Kann man das schaffen? Die kurze Antwort lautet: Ja. Die lange Antwort lautet: Ja, wenn man Joaquin  Phoenix heißt, der Charakter einen eigenen Film bekommt, also nicht mehr nur Nebenrolle ist, und man von einer übertriebenen Psychologisierung der Figur enorm profitiert.

Die Rede ist vom „Joker“, dem Mann mit dem grünen Haar und dem irren Lachen. Zum ersten Mal ist dem Batman-Bad-Boy ein ganzer Film gewidmet, 122 Minuten Arthur Fleck. So hieß der Joker, bevor er zum Antagonisten avancierte.  Joaquin Phoenix spielt ihn als Mittvierziger mit Fistelstimme, der bei seiner Mutter lebt, sie pflegt und ihr die Haare wäscht, der wegen seiner Depressionen Medikamente schluckt und als Clown arbeitet, gleichzeitig aber von einer Karriere als Stand-Up-Comedian träumt.

Inszeniert ist Arthur Fleck so, dass man ihn mögen muss – oder dass er einem zumindest leid tut. Einmal sitzt er im Bus, die Haare (noch braun und nicht grün) fallen ihm strähnig ins Gesicht, er schneidet Grimassen für ein Kind in der Reihe vor ihm. Als er von der Mutter angeherrscht wird, er solle ihr Kind ihn Ruhe lassen, fängt er an zu lachen. Es ist ein keifendes, fast schreiendes Lachen, hoch und hackend und so unangenehm, dass man am liebsten weghören würde, gleichzeitig so präsent, dass man es auch Stunden und Tage nach dem Film nicht vergisst. Doch Arthur Fleck will gar nicht so lachen, man sieht es in seinem angestrengten Gesicht, er spannt alle Muskeln an, kneift den Kiefer zu, um irgendwie aufzuhören, windet sich in seiner senfgelben Jacke hin und her. Auch die Mutter vor ihm ist irritiert, zur Erklärung reicht er ihr ein laminiertes Kärtchen: „Sorry for my laughter. I have a Condition“ steht drauf.

Diese „Condition“ wird ihm noch oft in die Quere kommen, und die Situationen bleiben nicht so harmlos wie die mit der Mutter im Bus. Die „Condition“ ist auch hervorragend gespielt, man nimmt sie Joaquin Phoenix vollkommen ab. Doch ist sie Teil eines Films, der seine Zuschauer für extrem dumm hält, denn statt eines laminierten Kärtchens hätte man auch einen Zaunpfahl nehmen können, damit es auch noch der Letzte kapiert. Es wirkt, als würde der Regisseur Todd Philipps sagen wollen: „Hallo, aufpassen, Arthur Fleck ist Opfer des Systems und wir erklären euch jetzt mal, was da alles so schiefläuft.“

Todd Philipps hat die „Hangover“-Filme inszeniert, im ersten geht es um einen Männertrip nach Las Vegas, der aus dem Ruder gerät; und auf irgendeine Weise gilt das auch für den „Joker“. Hier ist es eher ein Trip durch Gotham City im Jahre 1981, ein Trip durch die Psyche einer Figur, die durch immer mehr Enttäuschungen irgendwann zum Bösewicht wird und nebenbei noch eine faschistische Clownsbewegung ins Rollen bringt.

Doch die ständige Psychologisierung der Figur ödet an. Der Film verherrlicht das Leid seines Protagonisten und irgendwann wird dem Zuschauer – so kalt das jetzt klingen mag – die tragische Figur Arthur Fleck herzlos egal. Spätestens, wenn man die gefühlt siebzehnte Erklärung für seine Taten bekommt. Unter anderem: keine Medikamente, keinen Job, keinen Vater.

Dass der Film trotz seiner hanebüchenen Charakterentwicklung  erträglich ist,  liegt daran, dass der Film verdammt gut aussieht. Die trostlosen Straßen Gothams werden in langen Kamerafahrten eingefangen, die Stad erinnert stark an das New York aus „Taxi Driver“ – der Film von Martin Scorsese spielt im Jahre 1981. Und eine versiffte Klokabine zur Geburtsstätte eines Bösewichts zu machen, und das auch noch irgendwie glamourös wirken zu lassen,  muss man erst einmal schaffen.

Vor allem liegt das aber an Joaquin Phoenix, dessen Arthur Fleck, so platt und überpsychologisiert die Rolle auch sein mag, gleichzeitig brutal und zärtlich ist. Phoenix kann mit einem angedeuteten Lächeln so viel mehr Leid ausdrücken, als jeder andere mit Wutausbrüchen und Geheule.

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