Judenhass und blinder Gehorsam

Roman Polanskis Film „Jʼaccuse“ über einen französischen Justizskandal gewann in Venedig den Jurypreis. Nun läuft er in den Kinos an.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Alfred Dreyfus, Offizier der französischen Armee, steht in der Mitte des großen Platzes der École Militaire, einer Militärschule. Sämtliche Orden werden ihm abgenommen – nein, heruntergerissen. Sie werden zu Boden geschmissen, sein Degen wird zerbrochen. In einer öffentlichen Demütigung wird er degradiert. Die Armee ist aufmarschiert, alle beobachten, was geschieht. Höhere Dienstgrade ziehen abfällig über den Degradierten her. Im Hintergrund rebelliert das Volk hinter dem Zaun. Dreyfus wird im Jahr 1894 nicht nur aus der Armee entlassen. Das Urteil lautet Landesverrat. Er wird auf einen einsamen Gefängnisfelsen verbannt, die Teufelsinsel vor der Küste Französisch-Guayanas. Ein faires Verfahren bekommt er nicht. Dreyfus ist Jude.

Die Eröffnungsszene in Roman Polanskis Film „Jʼaccuse“ (zu deutsch: Ich klage an), mit dem unnötigen Synchrontitel „Intrige“, ist langsam und ruhig. Unangenehm ruhig. Denn die Vermutung, dass das nicht lange so bleiben kann, bestätigt sich schnell.

Kurz darauf wird Marie-Georges Picquart zum Leiter einer Nachrichtendienstabteilung ernannt. Zuvor war er für die Ausbildung Dreyfusʼ zuständig gewesen, hatte ihm selbst einst seine Abneigung ausgedrückt, von Juden hielt er nie viel. Bei seiner neuen Arbeit findet Picquart allerdings Hinweise darauf, dass Dreyfus zu Unrecht verurteilt wurde. Er sucht Beweise, bringt Ordnung in seine neue Abteilung. Der immerzu schlafende Portier wird ausgetauscht, zwielichtige Gestalten werden aus dem Gebäude verbannt, alle wichtigen Informationen müssen ab sofort über Picquart laufen. Als er mit Beweisen für Dreyfusʼ Unschuld zu seinen Vorgesetzten geht und ihnen den eigentlichen Spion Ferdinand Walsin-Esterházy präsentiert, sind diese nicht an einer Aufklärung interessiert. Um einen Skandal zu vermeiden, sollen die Fehler vertuscht werden. Und Dreyfus macht als Jude sowieso den besseren Sündenbock her.

In dem Historiendrama geht es um blinden Gehorsam. Von Picquard wird gefordert, die Augen zu verschließen vor dem offensichtlichen Unrecht gegenüber Alfred Dreyfus. Doch Picquard kann nicht wegsehen, bringt sich selbst damit in Lebensgefahr.

„Jʼaccuse“ bleibt dabei ein sachlicher Film. Gefühlt dokumentarisch wird die populäre französische Dreyfus-Affäre aus der Sicht von Marie-Georges Picquart erzählt. Dadurch bekommt man einen historisch akkuraten Einblick in die Zeit. Diese Sachlichkeit führt allerdings auch dazu, dass Polanski damit an der Oberfläche bleibt. Die psychische Belastung der Affäre für Dreyfusʼ und Picquart wird wenig erforscht. Picquart bleibt der taffe, unerschrockene Rebell gegen die Oberen, die Auswirkung der Jahre auf der Teufelsinsel auf Dreyfus werden nur angedeutet.

„Jʼaccuse“ ist vollgepackt mit Informationen, nimmt sich kaum Zeit, hetzt von Ereignis zu Ereignis. Der anklagende Brief mit dem gleichnamigen Titel „Jʼaccuse“ des Schriftstellers Émile Zola wird veröffentlicht, ein Verfahren wird eröffnet, Zeugen werden gehört. Der Film entwickelt eine Sogwirkung. Vor allem durch die basslastige und bedrückende Musik von Oscargewinner Alexandre Desplat („The Shape of Water“) wird man immer weiter hineingezogen in den Justizskandal. Es entsteht ein enormes Tempo. Die Ungerechtigkeiten der Dreyfus-Affäre sind frustrierend und effektiv in Szene gesetzt von Polanski. Genauso wie der gesellschaftliche Judenhass, der durch Schauprozesse und Verurteilungen deutlich wird.

Dreyfus durfte schließlich nach Frankreich zurückkehren, wurde rehabilitiert. Die Dreyfus-Affäre wurde zu einem Teil der französischen Geschichte.

Polanski, der noch immer nicht in die USA zurückkehren kann, weil ihm dort Haft droht, war 1977 wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen unter Verwendung betäubender Mittel angeklagt und wurde verurteilt. Ob Roman Polanski sich zu solchen historischen Stoffen wie der Dreyfus-Affäre besonders hingezogen fühlt, weil er sich selbst als Opfer sieht, oder ob hingegen seine jüdische Abstammung und die Erfahrungen während der NS-Zeit ausschlaggebend waren, weiß wohl nur Roman Polanski. Aber falls er damit eine Art Nachricht in Richtung der USA senden wollte, so wird diese vermutlich verpuffen: „Jʼaccuse“ hat bislang keinen US-Kinostart.

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