Lichtblicke im Hamsterrad

Der Regisseur Ken Loach zeigt in seinem Film „Sorry We Missed You“ eine Familie aus der Arbeiterklasse, die am Kapitalismus zu zerbrechen droht. Dafür arbeitet er mit großartigen Schauspielern, die eigentlich keine sind.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Es wuselt in der Zentrale des Paketdienstes PDF. Sechs Uhr morgens, die Pakete werden in Bollerwagen über den Beton gekarrt, in die Autos geworfen, die Scanner piepsen, die Reifen quietschen. Wenn Hektik ein Geräusch wäre, dann wahrscheinlich genau das. Ricky Turner, ein rothaariger Mann aus Manchester, Mitte 40, hat diesen Job angetreten, um seiner Familie ein besseres Leben zu garantieren. Unabhängigkeit! Selbstständigkeit! Ein eigenes Franchise-Unternehmen. Dafür fährt er jetzt sechs Tage die Woche Pakete aus.

Das Schicksal, das Ricky in „Sorry We Missed You“ lebt, machen viele durch. Ein Film ohne Glanz und Glamour, ein Film über harte Arbeit und darüber, wie Ricky seine Würde verliert. Sein Kollege, der ihm den Job verschafft hat, reicht ihm bei seiner ersten Schicht eine Plastikflasche. Zum Reinpinkeln. Angewidert wirft Ricky die Flasche in seinen Kofferraum. Er wird sie noch brauchen.

„Sorry We Missed You“ – das steht auf der Benachrichtigungskarte, die man bekommt, wenn man die Zustellung eines Pakets verpasst hat – ist ein Film, der einen unglaublich traurig macht, einen überfordert und rührt, den man jedoch trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) unbedingt sehen sollte.

Es ist nicht nur ein Film, der die Missstände auf ganz subtile Weise anklagt, sondern auch ein Familienportrait. Dafür ist der Regisseur Ken Loach bekannt, er ist mittlerweile 83 Jahre alt und hat schon immer Sozialdramen gedreht. Zuletzt wurde er für „I, Daniel Blake“ mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet. Bei der Recherche dazu kamen ihm und seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty die Idee zu „Sorry We Missed You“.

Da ist Rickys Frau Abbie, die als Pflegerin arbeitet. Sein Sohn, der die Schule schwänzt und Graffiti sprayt. Seine Tochter, die versucht, alle drei glücklich zu machen, alle drei, die schon längst nicht mehr rauskommen aus dem Hamsterrad des Kapitalismus. Dabei erhebt aber niemand den Zeigefinger, und auch wenn es mit allen Figuren immer weiter bergab zu gehen scheint, sind da diese kleinen Szenen, die immer wieder Mut machen.

Wie eine Klientin von Abbie – sie sagt selbst, dass sie dieses Wort hasst – ihr die Haare kämmt und somit die Rollen umdreht und Abbie nicht mehr die starke Pflegerin ist, sondern, für einen Moment zumindest, ein kleines Mädchen. Oder wie die Familie das Essen lobt, das der Vater von einem indischen Schnellimbiss geholt hat. Oder wie die Tochter, gespielt von der bezaubernden Kate Proktor, ihrem Vater beim Ausfahren der Pakete hilft und das Ganze als sportliche Challenge sieht.

Dass der Regisseur Ken Loach diese vier Schauspieler für seine Familie gefunden hat, ist ein Glücksfall, denn jeder von den vieren schafft es, die Figuren zum Anti-Klischee werden zu lassen. Sebastian, der keine nervigen Teenagerparolen sagt, sondern (und das tun Teenager meistens): nichts. Um dann den Vater zu überraschen, indem er ihm einen Tee machen will, mit diesem Gesicht, das sich noch nicht entschieden hat, in welche Richtung es wachsen will, und dieser Stimme, die sich noch nicht entschieden hat, wie tief sie werden will. Es ist Rhys Stones erster Film.

Auch den Namen des Hauptdarstellers, Kris Hitchens, hat man noch nie vorher gehört, das zerfurchte Gesicht, die roten Haare, die tätowierten Arme. Hitchens sieht verlebt aus, als hätte er all das, was seine Figur Ricky durchgemacht hat, selbst erlebt. Was gar nicht mal so falsch ist: Hitchens hatte mit Ende zwanzig die Schauspielerei an den Nagel gehängt und sich seitdem mit Gelegenheitsjobs, zuletzt als Klempner, über Wasser gehalten. Bis er jetzt, mit 45, sein Comeback feiert. 

Seine Filmfigur Ricky hat da weniger Glück. Immer tiefer gerät er in die Abhängigkeit, kauft sich einen Lieferwagen, weswegen Abbie ihr kleines Auto verkaufen muss und ihre Pflegebesuche mit dem Bus erledigt. Einmal ruft sie wutentbrannt ihre Vorgesetzte an: „Da war Scheiße überall, an den Wänden, an ihr, an mir.“ Man fühlt sich wie die Dame an der Bushaltestelle, die das Gespräch mithört, man will das gar nicht mitbekommen, doch man muss. „Sorry We Missed You“ zwingt einen dazu. Auch Debbie Honeywood ist nicht hauptberuflich Schauspielerin, sondern Lehrerin.

Man empfindet am Ende des Films so viel für die Figuren, dass man erleichtert ist, dass es nur eine erfundene Geschichte ist und es den Schauspielern nicht so geht wie ihren Charakteren. Und weiß doch, dass es eine wahre Geschichte ist.

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