Kleine Frauen. Große Träume

Die bereits siebte Verfilmung des amerikanischen Literaturklassikers „Little Women“ von Louisa May Alcott ist ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit und eine tolle Regieleistung von Greta Gerwig.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Der Tisch ist gedeckt, die vier Töchter der Familie – March, Jo, Meg, Amy und Beth – freuen sich. Es ist der Weihnachtsabend im Jahr 1861. Einst hatte die Familie mehr Geld: Der Vater war der ortsansässige Pastor, doch nun kämpft er im amerikanischen Bürgerkrieg für die Abschaffung der Sklaverei. Deshalb müssen die Marchs Abstriche machen. Dennoch: Für ein festliches Essen ist an diesem Abend gesorgt. Als die Mutter, Marmee March, nach Hause kommt, nimmt das Fest allerdings einen anderen Verlauf. Ganz in der Nähe ihres Hauses wohnt in einer Hütte im Wald Familie Hummel, die kaum genug Essen zum Überleben hat. Als Weihnachtsgeschenk bittet Marmee ihre Töchter, das gute Essen den armen Nachbarn zu schenken. Nach der ersten Enttäuschung ist allerdings jeder einverstanden.

Die Mutter hat ihre Töchter zu selbstbewussten jungen Frauen erzogen, von denen jede ihren eigenen Traum vom Leben verfolgt. Jo möchte Schriftstellerin werden, Amy Malerin. Meg möchte eine Familie gründen und Beth sich weiterhin um die Bedürftigen kümmern.

Marmee March vermittelt ihnen Werte wie Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft, indem sie diese selbst vorlebt. Egal ob Essen, ihr Halstuch oder Decken, sie gibt her, was sie kann, und ist dabei selbstlos. Sie würde sogar ihr letztes Hemd für einen Fremden hergeben, wenn dieser es gerade dringend bräuchte.

Diese Menschlichkeit zahlt sich aus. Denn der wohlhabende Nachbar, Mr. Laurence, von der Selbstlosigkeit der Familie so begeistert, hat am Weihnachtsabend in der Zwischenzeit ein Festmahl für die Marchs servieren lassen. Als Marmee der Familie auch noch einen Brief des Vaters aus dem Bürgerkrieg vorliest, ist der Abend nahezu perfekt.

Die Regisseurin Greta Gerwig erschafft aus der Romanvorlage von Louisa May Alcott eine herzerwärmende Geschichte über Natürlichkeit, Liebe, Werte und das Kümmern um andere Menschen. Vor allem durch die bis in die kleinste Nebenrolle perfekte Besetzung überträgt sich die Emotionalität des Films. Die hin- und hergerissene junge Autorin Jo March wird gespielt von Saoirse Ronan, die, mit gerade einmal 25 Jahren, nun für „Little Women“ schon ihre vierte Oscarnominierung erhalten hat. Wenig überraschend, denn sie verleiht der Rolle eine enorme Kraft. Ihre Verzweiflung über eine Gesellschaft, die es Frauen so schwer macht, etwas zu erreichen. Ihre Wut auf die kleine Schwester Amy, die Joes Buch aus Trotz in den Ofen wirft. Ihre Liebe und Fürsorge für die eigene Familie, vor allem als ihre jüngere Schwester Beth krank wird. Ihre Verwirrung über die Gefühle zum Nachbarsjungen Laurie. Saoirse Ronan kann jede Emotion vermitteln: mit Worten, Gesichtsregungen oder ihrer Körpersprache.

Dazu kommt Florence Pugh, die die trotzige Amy spielt. Die kindliche Naivität und Eifersucht der jüngsten March-Tochter ist nervig und liebenswert zugleich. Man möchte Amy schütteln und ihr ins Gewissen reden, nur um sie in der nächsten Szene in die Arme schließen zu wollen. Florence Pugh, ebenfalls oscarnominiert für „Little Women“, erschafft durch ihre realistische und lebensnahe Performance ein ambivalentes Bild der Figur.

Die einzelnen Geschichten der Töchter, die ihren Weg in der Welt suchen, erzählt Greta Gerwig, die auch das Drehbuch adaptiert hat, auf zwei Zeitebenen. Die March-Töchter werden abwechselnd als junge Erwachsene und Kinder im Elternhaus gezeigt. Diese Struktur ist gut gewählt. Gerwig erzeugt in einer parallel montierten Szene aus den unterschiedlichen Zeitebenen, in der einerseits die absolute Freude und andererseits die absolute Trauer gezeigt werden, eine fantastische disparate Gefühlswelt.

Die Bilder des französischen Kameramanns Yorick Le Saux sind dabei so natürlich wie die Figuren. Die Vergangenheitsbilder sind stets in ein leicht gelbliches, helleres, fröhlicheres Licht getaucht und setzen sich damit von der zweiten Zeitebene ab.

Den Geschichten von Meg March, gespielt von Emma Watson, und Beth March, gespielt von Eliza Scanlen, wird weniger Platz eingeräumt. Dennoch sind sie deshalb nicht weniger emotional, da Gerwig es hier schafft, durch kleine Geschichten eine größere Geschichte zu erzählen. Ein schmaler Handlungsstrang zwischen dem Nachbarn Mr. Laurence, dessen Tochter früh gestorben ist, und Beth March, die für ihn eine Art Ersatztochter darstellt, erzählt alles über die Figuren: Beth spielt Klavier, Mr. Laurence setzt sich still auf die Treppe und lauscht ihrem Spiel, den Tränen nahe.

Die oscarnominierte Musik von Alexandre Desplat untermalt den Film und das Verhalten der March-Töchter treffend. Sie ist teilweise hektisch und chaotisch mit schnellen Streicher-Klängen, dann melodisch und selbstbewusst mit Klavier und Flöten. Und an anderer Stelle herzzerreißend traurig durch eine sanft gezupfte Harfe.

In Nebenrollen können Laura Dern als liebende Familienmutter, Meryl Streep als reiche, schnippische Tante und Timothée Chalamet als chaotischer, liebenswürdiger Nachbarsjunge überzeugen.

„Little Women“ wirft einen Blick auf eine liebevolle und chaotische Familie und wird dabei jeder einzelnen Figur gerecht. Der Film zeigt emanzipierte Frauen im 19. Jahrhundert, jede auf ihre Weise selbstbewusst. Und obwohl die Handlung vor über 150 Jahren spielt, ist der Film denkbar aktuell.

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