Der falsche Freund

Der neuseeländische Regisseur Taika Waititi hat mit „JoJo Rabbit“ eine spannende Nazi-Satire gedreht- Den vollkommenen überdrehten Hitler spielt er darin selbst.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Jojo Betzler ist zehn Jahre alt, rennt oft mit dem gleichaltrigen Yorki durch die Gegend, schreibt und malt gerne, versucht immer wieder neue Freundschaften zu schließen. Er mag das, was Zehnjährige eben so mögen – und, achja, sein bester Freund ist Adolf Hitler. Zumindest sein imaginärer bester Freund. Denn Jojo ist ein fanatischer Anhänger Hitlers. Oder eher von dem, was er denkt, was Hitler sei.

In Taika Waititis Film „Jojo Rabbit“ sucht sich Jojo, der Ende des Naziregimes mit seiner Mutter in Deutschland lebt, ein gewagtes und irritierendes Vorbild. Denn Jojos Fantasie-Hitler hilft ihm mit eher ungewöhnlichen Ratschlägen, sich nicht mehr wie ein Außenseiter zu fühlen. Jojo, gespielt von Roman Griffin Davis, ist nämlich ziemlich schüchtern. Und nachdem er im Hitlerjugendcamp aus Versehen in seine eigene Granate rennt, auch noch durch Narben entstellt.

Aber Achtung: „Jojo Rabbit“ ist kein Drama! Waititis Film ist eine Tragikkomödie; und so absurd das jetzt klingt: Der Film ist wirklich witzig. Denn der Regisseur Waititi bedient sich einer alt bekannten Form der politischen Kritik: die Satire. Sein Vorbild sind Filme wie Charlie Chaplins „Der große Diktator“. Auch Jojos imaginärer Hitler, der von Waititi selbst gespielt wird, ist eine völlig überzeichnete Figur, die leicht lispelnd irrationale Entscheidungen trifft, dem Jungen nur Quatsch einredet, Einhörner zu Abend isst und bei Kritik aus dem Fenster springt. Sie ist die Kreation eines Zehnjährigen, der sich ohne Vater und nach dem Tod seiner Schwester alleine gelassen fühlt und irgendwie dazugehören möchte.

Dass Waititi selbst die Rolle von Hitler übernommen hat, begründet er in mehreren Interviews kürzlich damit, dass der Fokus des Films zum einen nicht durch bekannte Schauspieler von den Kindern genommen werden sollte, und zum anderen mit dem Argument, dass Hitler wahrscheinlich nichts mehr verärgern würde als seine Verkörperung durch einen jüdischen Neuseeländer.

Die wichtigste Person in Jojos Leben ist seine Mutter Rosie, die mit aller Kraft versucht, das Kind in Jojo zu retten, das von der Nazi-Ideologie völlig eingenommen zu sein scheint. Scarlett Johansson spielt dabei eine mutige, alleinerziehende Frau, die im Untergrund dem Widerstand angehört und ein jüdisches Mädchen im Haus versteckt: Elsa. Jojo, der das Mädchen entdeckt, freundet sich mit ihr an und zweifelt langsam an seinem imaginären Vorbild. Der Konflikt Jojos, dessen Unsicherheit gegenüber seinen Überzeugungen immer größer wird, wird dabei vor allem von Roman Griffin Davis beeindruckender Emotionalität und Sensibilität getragen, die besonders in den Situationen und Gesprächen zwischen ihm und Elsa ihren Ausdruck findet. So schreibt er ihr immer wieder rührende Briefe, im Namen ihres verstorbenen Verlobten.

Taika Waititi schafft mit „Jojo Rabbit“ eine bemerkenswerte Regiearbeit, besonders was die Inszenierung der Kinder angeht. So ist der Film nicht nur ausschließlich aus dem Blick eines Kindes geschrieben, nein, es ist auch das absurde Verhalten der Kinder, das für witzige und besonders absurde Momente in den oft tragischen Situationen sorgt. So verhalten sich Jojo und sein Freund Yorki wie gealterte Männer, die über die neuesten Uniform-Trends und die politische Situation schwadronieren. Durch die Überzeichnung der Nazi-Figuren zeigt sich, dass Jojo eigentlich gar nicht weiß, was er da tut. Und in dieser vergifteten Umgebung, in der er oft alleine ist, mit der Unterscheidung zwischen dem Richtigen und Falschen völlig überfordert ist.

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