Jugend ohne Halt

Der Regisseur Ladj Ly begibt sich mit seinem Spielfilmdebüt „Les Misérables“ zurück in den gewaltvollen Pariser Vorort, in dem er aufgewachsen ist.

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Von Tobias Obermeier

Mehr als 10.000 zerstörte Autos, brennende Gebäude, 6.000 Festnahmen, 130 Verletzte und insgesamt drei Tote: Das ist die Bilanz der Ausschreitungen in den Vororten von Paris im Jahr 2005, nachdem bei einer Verfolgungsjagd mit Polizisten zwei Jugendliche starben. Es war der Ausdruck einer perspektivlosen und zurückgelassenen Jugend, die sich mit Gewalt als letztes Mittel Gehör in der französischen Gesellschaft verschaffen wollte. Die Politik hat sich bis dahin wenig bis gar nicht um die Probleme wie Arbeitslosigkeit und Armut in den Pariser Banlieues gekümmert. Wenn sich jemand zu Wort meldete, dann nicht selten mit Verachtung – als zum Beispiel der damalige Innenminister Nicolas Sarkozy wenige Monate vor den Ausschreitungen davon sprach, die einschlägigen Problemviertel mit dem Kärcher vom Gesindel reinigen zu wollen.

Knapp 15 Jahre später scheint sich noch immer nicht viel geändert zu haben. Dieses Bild zeichnet zumindest Ladj Ly in seinem Spielfilmdebüt „Les Misérables“, das in Cannes mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde und als bester internationaler Film bei den Academy Awards nominiert ist. Der Film basiert auf Lys gleichnamigem Kurzfilm von 2017 und ist nach Victor Hugos „Les Misérables“ benannt, der in Montfermeil seinen Roman verfasst hat. Ladj Ly ist dort aufgewachsen. Es ist einer der Vororte, in denen es zu den heftigen Ausschreitungen kam. Ly kennt die Gegend und die Menschen, teilt mit ihnen die gleichen Erfahrungen von Diskriminierung und Ausgrenzung. Und diese Nähe und auch Liebe zu den Menschen und ihrem Viertel ist in „Les Misérables“ in jeder Minuten zu spüren.

Die Banlieues sind für Polizisten ein hartes Pflaster. Das merkt auch Stéphane, der sich von der Provinz nach Paris versetzen ließ und in der Einheit für Verbrechensbekämpfung in Montfermeil seinen ersten Tag hat. Zusammen mit seinen erfahrenen Kollegen Chris und Gwada fährt er Streife durch das Viertel, in dem ganz eigene Regeln gelten – auch für Polizisten. Es ist laut, bunt, unübersichtlich – ein Vorort für arme Leute, vor allem für sozial benachteiligte Migranten. Gewalt gehört zum Alltag. Die Polizisten bewegen sich wie durch ein Kriegsgebiet. Drohnenaufnahmen zeichnen den Weg ihres Autos durch das Viertel nach, vorbei an riesigen Wohnblocks. In jeder Person auf der Straße, in jedem ihrer strengen Blicke steckt ein potentieller Verdächtiger. Als ein Löwenbaby eines ansässigen Clan-Chefs gestohlen wird und sich die Stimmung zwischen den verschiedenen Lagern aufheizt, kümmern sich die drei Polizisten um die Angelegenheit. Selbst eine solche Kleinigkeit bietet genug Zündstoff für eine Eskalation im Viertel. Bei der Verhaftung eines verdächtigen Jugendlichen wird dieser schließlich schwer im Gesicht verletzt, während jemand die Situation mit einer Drohne filmt. Für die Polizisten, die sich jenseits der Legalität bewegen, stellt das ein schwerwiegendes Problem dar.

Ladj Ly macht hier alles richtig. Der Film trottet zunächst vor sich hin. Alltagsarbeit für die Polizisten. Sie durchstreifen das Viertel, kümmern sich um kleine Streitereien auf einem Markt, plaudern mit einem inoffiziellen Ortsvorsteher, der „Bürgermeister“ genannt wird, und erklären dem neuen Kollegen, wie das Viertel funktioniert. An allen Ecken ist zu spüren, dass ein enormer Druck zwischen den konkurrierenden Parteien aus Drogendealern, Polizisten und Islamisten, die Jugendliche rekrutieren, vorhanden ist. Die Figuren, zum großen Teil von Laiendarsteller aus Montfermeil gespielt, bewegen sich dabei in Graubereichen. Es gibt kein gut oder böse. Alle sind sie einer Situation von Gewalt und Gegengewalt ausgeliefert.

Chris begegnet all dem mit einer unausstehlichen Mischung von Durchtriebenheit und Gewissenlosigkeit. Als Polizist sei er das Gesetz und mache nie etwas falsch – eine Regel, die sich Stéphane sofort merken solle. Anders könne man sich hier nicht Respekt verschaffen. Demütigung ist dabei das Mittel seiner Wahl – auch bei den Jugendlichen. Bei einer Routinekontrolle zweier Schülerinnen an einer Bushaltestelle hebt er einen Joint vom Boden auf, zieht daran und bläst den Rauch einer der beiden wenige Zentimeter von ihr entfernt ins Gesicht. Wo sie das Gras versteckt habe, will er wissen. Im Arsch? Er darf alles und könne ihr auch den Finger hinten reinstecken, wenn es sein muss. Als ihre Freundin das Vorgehen filmen möchte, entreißt er ihr das Handy und zerschmettert es auf dem Boden. An anderer Stelle – auf der Suche nach dem Löwen – drücken die Polizisten einen Zehnjährigen auf den Boden, weil er die Aussage verweigert und sich gegen das Festhalten zur Wehr setzt. Es sind diese Momente der Erniedrigung, die sich in den Köpfen der Kinder und Jugendlichen tief einprägen und die auch Ladj Ly selbst erlebt hat.

Nach solchen Erfahrungen kann die Polizei nur als Feind wahrgenommen werden. Das fragile Gebilde droht dabei jederzeit auseinander zu brechen. Die Wut gärt in den Jugendlichen. Doch „Les Misérabe“ will weder wertend noch moralisierend sein. Fast ausschließlich mit einer Handkamera gefilmt, die ganz eng an den Figuren bleibt, beschreibt der Film den Ist-Zustand eines Banlieues, das heutzutage genauso sich selbst überlassen wird wie damals im Jahr 2005. Was bringen die Ausschreitungen außer Zerstörung, Hass und Gewalt? Es hat sich nichts geändert durch sie, versucht der inoffizielle Bürgermeister den Jugendlichen begreiflich zu machen. Doch die Jugend, sie hört den Erwachsenen nicht mehr zu. Auf Gewalt können sie nur mit Gegengewalt reagieren.

 

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