Die Botschafter

Sam Mendes schickt in seinem Film „1917“ zwei Soldaten durch die Hölle des Ersten Weltkriegs. Der Kameramann Roger Deakins ist ihnen bewundernswert geschmeidig auf den Fersen.

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Von Nina Mohs

Nina Mohs

aufgewachsen in Aaachen und Wiesbaden. Studium der Theaterwissenschaft, Sprache, Literatur und Kultur an der LMU in München (2015-2018) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2018). Einige Jahre auf und hinter der Bühne des Theaters verbracht. In die Bereiche Filmverleih und Postproduktion eingetaucht, aber immer beim Schreiben geblieben. 3 Jahre als Redakteurin bei M94.5 Beiträge getextet, produziert und gesprochen. 2018 dann die Entscheidung für den Kulturjournalismus mit Schwerpunkt Film und Theater. 2019 das erste Mal das Theaterfestival UWE, mitorganisiert.

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Der Nachthimmel ist hell erleuchtet. Riesige Schatten fließen über die Ruinen einer Stadt irgendwo im Niemandsland. Dichte Rauchschwaden ziehen durch die Luft. Immer wieder dröhnt und donnert es laut. Die Stadt steht in Flammen. Das Dröhnen kommt von den Bomben, die unaufhaltsam aus dem Himmel fallen und die Nacht in rotes, bedrohliches Licht tauchen. Es herrscht Krieg. Genauer gesagt der Erste Weltkrieg, wird sind im Jahr 1917. Mittendrin und Teil dieses Krieges sind die jungen britischen Soldaten William Schofield (George MacKay) und Tom Blake (Dean-Charles Chapman).

In seinem Kriegsfilm „1917“ schickt der Regisseur Sam Mendes die beiden Männer auf eine nahezu unmögliche Mission. Auf Befehl ihres Generals müssen sie sich in weniger als acht Stunden durch feindliches Gebiet kämpfen, um ihren Kameraden ein paar Meilen weiter eine Nachricht zu überbringen und einen geplanten Angriff zu verhindern. Schaffen sie es nicht, verliert die britische Armee 1600 Männer auf einen Schlag. In einem Horrorlauf gegen die Zeit kämpfen Schofield und Blake sich durch zerfallende Städte, gegnerische Schützengräben, über unzählige Leichen auf den offenen Feldern und werden zum Opfer ihrer eigenen Generation, die die reine Verwüstung hinterlässt.

Gefilmt ist „1917“ in Echtzeit und fast ausschließlich in einem Shot. Unsichtbare Schnitte und das kontinuierliche Verfolgen der beiden Figuren durch die Kamera erwecken den Eindruck einer einzelnen, ununterbrochenen Einstellung. Eine Entscheidung, die Sam Mendes‘ Film definitiv zu Gute kommt. Durch die extreme Nähe und das Nicht-Ablassen der Kamera von Schofield und Blake fühlt es sich an, als würde man die Angespanntheit der beiden greifen können, jeden Atemzug miterleben und jede Explosion spüren, die die beiden vom Boden reißt. So werden die 110 Minuten Laufzeit nicht nur für die Figuren zu einer unerträglichen Probe, auch als Zuschauer fällt es schwer, entspannt im Kinosessel zu sitzen.

Aber es ist nicht nur die Entscheidung für einen (Fast-)One-Shot-Film. Es ist vor allem die Kameraarbeit von Roger Deakins, die dazu beiträgt, dass „1917“ filmisch besonders gelungen ist. Es steckt nicht nur eine extreme Präzision hinter jeder Kamerafahrt, nein, Deakins schafft es, die Kamera so weich durch die Luft gleiten zu lassen, dass man teilweise komplett ausblendet, dass es sie überhaupt gibt. Viel eher wirkt sie wie eine dritte Person, die Schofield und Blake begleitet und ihre ganz eigenen Beobachtungen macht, unabhängig von den beiden Soldaten, wenn sie durch das Feld gleitet und Hände, Köpfe oder Skelette, die aus dem matschigen Boden ragen, zur Kenntnis nimmt oder die brennenden Ruinen einer Stadt betrachtet.

Getragen aber wird Sam Mendes‘ Film von den noch recht unbekannten Schauspielern George MacKay und Dean-Charles Chapman. Obwohl unzählige Stars wie Colin Firth, Andrew Scott oder Benedict Cumberbatch kurze Auftritte in „1917“ haben, schafft es keiner an die schauspielerische Leistung der beiden jungen Männer heran. Und das nicht nur, weil sie deutlich länger zu sehen sind. Es ist vor allem die Chemie zwischen MacKay und Chapman, die die Kameradschaft von Schofield und Blake, ihre Beziehung zueinander authentisch wirken lässt und den Film mit einer besonderen Emotionalität bereichert. Dean-Charles Chapman holt mit seinem naiven, impulsiven, aber trotzdem recht positiven Tom Blake den viel strengeren, zweifelnderen Schofield, wie MacKay ihn spielt, immer wieder zurück auf den Boden und lässt ihn durchhalten, auch wenn er ganz auf sich alleine gestellt ist.

Obwohl „1917“ definitiv eine große Prise Patriotismus abbekommen hat und der deutsche Feind im Gegensatz zu den britischen Soldaten eigentlich hauptsächlich betrunken und entindividualisiert durch die Gegend stolpert, kann man Sam Mendes nicht abschreiben, dass der Film als Gesamtwerk unfassbar gut funktioniert. Und das liegt allen voran an MacKay, Chapman und besonders an seinem Joker, dem Kameramann Roger Deakins. Der nach „Blade Runner 2049“ definitiv auf einen weiteren Oscar zusteuert.

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