Auf der Flucht

Melina Matsoukas schickt in ihrem Film „Queen & Slim“ zwei Afroamerikaner in eine schikanöse Polizeikontrolle – mit verheerenden Folgen für alle Beteiligten.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Bei „Bonnie & Clyde“ denkt man zuerst an eine romantische Liebesgeschichte. An ein ikonisches Verbrecher-Pärchen, das sich den Regeln widersetzt, zwei Outlaws, die Banken ausrauben, immer auf der Flucht. Erst danach denkt man vielleicht daran, dass Bonnie Elizabeth Parker und Clyde Chestnut Barrow dabei mindestens neun Polizeibeamte und vier Zivilisten umgebracht haben.

Der Vergleich von Melina Matsoukas Roadtrip-Film „Queen & Slim“ mit „Bonnie & Clyde“ liegt nahe: Auch hier erschießen die beiden Hauptfiguren einen Polizisten, befinden sich dann auf der Flucht und werden als Rebellen und Widerstandskämpfer gegen das System gefeiert.

Und doch ist der Film so ganz und gar keine „Bonnie & Clyde“-Geschichte der heutigen Zeit.

Die Hauptfiguren Queen und Slim, die sich nie mit ihren richtigen Namen ansprechen, sind Afroamerikaner. Sie lernen sich bei einem missratenen Date kennen. Er: ohne genauen Lebensplan mit engem Verhältnis zur Familie. Sie: erfolgreiche Anwältin ohne Verhältnis zur Familie.

Auf dem Heimweg kommt es zu einer Polizeikontrolle. Was als leichte Schikane eines rassistischen, weißen Cops beginnt, nimmt schnell eine größere Dimension an. Bei der Untersuchung des Kofferraums fragt Slim, ob der Officer sich beeilen könne, ihm sei kalt. Diese Bitte legt der Cop als Beleidigung aus, setzt zur Verhaftung an. Als Queen daraufhin auch das Auto verlässt und angeschossen wird, kommt es zum Handgemenge, Slim kann die Waffe in seine Gewalt bringen und erschießt den Polizisten in Notwehr.

In Panik beschließen er du Queen zu fliehen, sich nicht zu stellen. Sie haben kein Vertrauen in das Justizsystem der USA. Zu oft hat die Anwältin Queen selbst mitbekommen, wie nicht-weiße Amerikaner vom System im Stich gelassen werden.

Diese Verzweiflung, diese Hoffnungs- & Hilflosigkeit der afroamerikanischen Bevölkerung wird durch das ungleiche Paar deutlich. Es sieht in einer Flucht nach Kuba und dem damit verbundenen Zurücklassen der Familie und aller Freunde mehr Potential und eine größere Chance, als vor Gericht erfolgreich ihre Unschuld beweisen zu können.

Auf dieser Flucht lernen die beiden immer mehr übereinander. Trotz der dauerhaften Anspannung gibt es ruhige Momente, in denen sie dem anderen einen tiefen Einblick in ihr Innerstes gewähren. Wenn es den Anschein hat, dass man nichts mehr zu verlieren hat, fällt vieles leichter.

In einer Szene, in der sich Queen endlich mal frei fühlt, lehnt sie sich während der Fahrt weit aus dem Fenster und genießt den Fahrtwind. Etwas, was sie immer schon tun wollte, aber sich nie getraut hatte. Slim auf der anderen Seite reitet zum ersten Mal. Ganz unbeholfen und doch glückerfüllt sitzt er auf dem Rücken des Pferdes. Voller Adrenalin rennen die beiden lachend und rauschhaft zurück zum Auto, als der Pferdebesitzer sie entdeckt.

Die Annäherung von Queen und Slim passiert trotzdem sehr schnell. Auch die Flucht gelingt ihnen oftmals sehr einfach, und die Figuren können sich scheinbar komplett fallen lassen, obwohl sie sich der gefährlichen Situation, in der sie stecken, durchaus bewusst sind. Das passt nicht immer zusammen. So schafft es die Drehbuchautorin Lena Waithe zwar, einige starke Szenen zu entwerfen, aus denen Melina Matsoukas gefühlvolle und intensive Momentaufnahmen schafft. Aber um dorthin zu gelangen, muss ein holpriger und erzwungener Handlungsweg zurückgelegt werden.

So wird aus der anfänglichen Abneigung eine Zuneigung von Slim und Queen. Daniel Kaluuya und Jodie Turner-Smith machen die Anziehung zwischen den zwei Hauptpersonen spürbar. Allerdings fehlt den Figuren die charakterliche Tiefe. Es gibt kaum Informationen über ihr früheres Leben. Ein kurzes Telefonat zwischen Slim und seinem Vater ist emotional und intensiv. Sehr viel mehr bekommt der Zuschauer nicht, um zu verstehen, wie Slim zu dem wurde, der er ist. Bei Queen ist es ähnlich. Ihre Kindheit wird angesprochen, ein Vorfall mit ihrer Mutter und ihrem Onkel thematisiert. Das verwirrt allerdings mehr, als dass es zu einem vollständigen Bild der Figur führt.

Matsoukas geht es in „Queen & Slim“ erkennbar weniger um die Figuren und deren Einzelschicksale, sondern mehr um das generelle Gefühl der afroamerikanischen Bevölkerung. Zusammen mit ihrem Kameramann Tat Radcliffe erschafft sie dafür starke Bilder. Sie fängt die durch die Polizeigewalt ausgelöste Wut ein. Etwa als sich bei einer Demonstration ein afroamerikanischer Jugendlicher wutentbrannt und leichtgläubig der polizeilichen Übermacht entgegenstellt. Auf der anderen Seite erschafft Matsoukas einen zärtlichen und sicheren Moment des Zusammenhalts, als Queen und Slim in einer Bar zusammen tanzen, in der Menge mit den anderen Afroamerikanern verschwimmen und sich nicht fürchten müssen, verraten zu werden.

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