Im Kreis

Das Regietalent Robert Eggers („The Witch“) setzt in „The Lighthouse“ zwei fremde Leuchtturmwächter auf einer Insel der Isolation und dem Alkohol aus.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Wie eine Dampflock bricht das Schiff zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Weg zur Leuchtturminsel durch die Wellen. Bedrohlich tobt das Meer, unheilvoll erklingt ein dröhnendes Hupen. Vom Schiff? Vielleicht. Aber später, auch wenn das Schiff bereits längst verschwunden ist, wird das Hupen immer wieder erklingen, wie ein Warnsignal. Es wird zum Teil des Sounddesigns beziehungsweise der Filmmusik, losgelöst vom Schiff.

Willem Dafoe und Robert Pattinson starren stumm und mit leeren Augen in die Kamera. Ihren Gesichtern ist die akute Unlust über vier Wochen auf dem kleinen und beengenden Felsen abzulesen. Genauso beengend ist auch das Bild. Das fast quadratische Seitenverhältnis von 1.19:1 bietet keinen Raum zur Entfaltung. Gefangen auf der Insel, gefangen im Bild. Das ist schwarz/weiß und akut unterbeleuchtet, trist und farblos wie die Insel selbst. Alles grau, nichts da, was wirklich Freude bringt. Selbst das helle Licht des Leuchtturms strahlt keine Wärme aus, sondern fühlt sich kalt und bedrohlich an. Immer dreht es sich im Kreis. Ohne Abwechslung. Immer gleich. Wie die Tage für die beiden Leuchtturmwächter. Nichts verändert sich. Eine Endlosschleife, die sich immer wiederholt. Irgendwann fragt der ältere Thomas Wake (Willem Dafoe) den jüngeren Ephraim Winslow (Robert Pattinson): „Wie lange sind wir schon auf diesem Felsen? Fünf Wochen? Zwei Tage?“ Die Zeit scheint verzerrt, nicht mehr wirklich linear. Langsam hypnotisiert der Film, sodass auch der Zuschauer das innerfilmische Zeitgefühl verliert.

In der Einsamkeit der Leuchtturminsel haben Wake und Winslow nur sich selbst und einander, um nicht in der Tristesse zu versinken. Also machen sie, was man von zwei Leuchtturmwächtern irgendwie erwartet, wenn sie alleine sind: Sie fluchen, furzen, masturbieren, saufen und erzählen Geschichten, meistens über Frauen.

Thomas Wake ist ein altgedienter Seemann, der schon einige Zeit auf der Insel hinter sich gebracht hat. Im Mund, umringt von einem struppigen Vollbart, steckt häufig eine Pfeife. Ist er nicht am Rauchen oder Trinken, dann redet er. Unablässig wie die Wellen, die immer wieder gegen die Felsen prallen, gibt er in bestem Seemannsenglisch Lebensweisheiten, Aberglauben und Geschichten zum Besten. Nicht nur damit nervt er den zunächst wortkargen Ephraim Winslow. Aufgrund seiner Erfahrung etabliert er ein Machtgefälle, in dem er den Jüngeren, der das erste Mal als Leuchtturmwächter arbeitet, ausnutzt. Ephraim muss die Latrine entleeren, Wake sieht ihm zu, wie er ein unendlich schweres Fass den gesamten Leuchtturm hinaufschleppt, um ihn dann dafür zu tadeln und ihm zu befehlen, das Fass wieder herunterzuschaffen. Zunächst lässt der schnurrbärtige Ephraim alles über sich ergehen, erfüllt seine Pflichten, lehnt sich nicht gegen die Schikane auf. Doch irgendwann legt er seine Schüchternheit ab, stellt das Machtgefälle in Frage. Der Konflikt zwischen den beiden schaukelt sich auf, unterstützt durch einen massiven Alkoholkonsum. Irre springen sie betrunken herum, nur um kurz danach eng aneinander zu tanzen. Erst küssen sie sich beinahe, dann geht die alkoholbasierte Zuneigung in eine Schlägerei über.

Dafoe und Pattinson spielen sich dabei in einen intensiven Vollrausch. Immer extremer werden die Szenen, beide halten minutenlange Hassmonologe auf den Anderen. Die zwei Leuchtturmwächter bieten eine perfekte Grundlage für Schauspielkunst in ihrer reinsten Form und Regisseur Robert Eggers holt in dem kammerspielhaften Szenario beinahe unmenschliche Darstellungen aus seinen zwei Schauspielern heraus. Bei der Sprache hat sich Robert Eggers, der gemeinsam mit seinem Bruder Max Eggers das Drehbuch schrieb, unter anderem von Herman Melville, Shakespeare und H. P. Lovecraft inspirieren lassen.

Immer wieder fragt man sich, welchem der Leuchtturmwächter man glauben kann. Wer lügt, wer sagt die Wahrheit? Und sagen die Bilder überhaupt die Wahrheit? Psychedelische und surreale Traumszenen verstärken das Chaos. Ist die Meerjungfrau real oder ein Produkt des Alkohols und der Isolation? Und welches Geheimnis birgt der titelgebende Leuchtturm? Wieso darf nur Thomas Wake in die Lichtkuppel? Handelt es sich hier um Magie oder werden die beiden einfach nur verrückt?

Der Film enthält keine typische Geschichte, keinen einfach zu extrahierenden Sinn oder eine eindeutige Moral. Robert Eggers drückt es so aus: „Nothing good can happen when two men are left alone in a giant phallus.“

Als das Schiff nach vier Wochen (oder sind es mehr? Weniger?) nicht zur Ablösung und Erlösung erscheint und der Alkohol versiegt, brechen sämtliche Dämme der Vernunft endgültig ein und der Wahnsinn übernimmt.

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