Die Ermordeten

Martin Scorsese hat wieder mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci gedreht – dieses Mal für Netflix. In „The Irishman“ zeigt er den Alltag der Mafia.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Erst im hohen Alter begreift Frank Sheeran. Er denkt, er sei stets ein guter Vater gewesen, hätte für seine Töchter gesorgt. Einmal hatte der Besitzer des Ladens um die Ecke seine Tochter Peggy leicht geschubst. Frank schritt zur Tat. Er zerrte ihn aus dem Laden zur Straße. Effektiv und hart schlug er auf ihn ein. Dessen Hand legte er an den Rand des Bürgersteigs, und ohne mit der Wimper zu zucken, brach er sie mit mehreren präzisen Tritten. Peggy musste bei allem zusehen. Später erkennt er, dass seine Töchter mit keinem Problem zu ihm kommen konnten, weil sie fürchten mussten, dass er jemandem etwas Schlimmes antun würde. Da ist es allerdings bereits zu spät. Peggy wechselt schon ewig kein Wort mehr mit ihm.

Zu diesem Zeitpunkt blickt Frank Sheeran auf ein Leben als Mafia-Hitman zurück. Aus dem Altersheim erzählt er seine Lebensgeschichte.

Die Lebensbeichte, die Robert De Niro als Frank Sheeran in Martin Scorseses dreieinhalbstündigem Mafia-Epos „The Irishman“ ableistet, basiert auf dem Buch „I Heard You Paint Houses“ von Charles Brandt. Schlüsselmomente des Buches sind zwar als falsch widerlegt worden, doch damit befasst sich Scorsese nicht.

„The Irishman“ zeigt, was ein Leben in der Mafia wirklich bedeutet. Franks Tochter wendet sich von ihm ab, er muss eine Zeit im Gefängnis absitzen, Bekannte werden ermordet, und manchmal muss er bei Freunden selbst zur Waffe greifen.

Scorsese blendet zu den Figuren, die Frank neu kennenlernt, konstant Informationen ein: Name, Tag der Ermordung, Tatwaffe und dazu zum Beispiel die Anzahl der Kugeln. Das verdeutlicht, wie das Leben als Mafioso ist – geprägt von Todesangst.

Das Ermorden setzt Scorsese anders als in seinen Mafia-Klassikern „Goodfellas“ oder „Casino“ nicht groß in Szene. Töten ist reine Arbeit, ein Handwerk und nicht Kunst, kein Mittel, um der wütenden Persönlichkeit Ausdruck zu verschaffen. Es wird schnell getötet, effektiv. Die Brutalität wird deutlich, aber nicht tarantinoesk gefeiert. Anders als in Scorseses frühen Mafiafilmen fehlt der große Glamour im Mafiageschäft.

Trotz der Gewalt hat „The Irishman“ sehr viel Humor. Franks Aufstieg als Hitman im Bufalino-Clan wird nicht durch zahlreiche Morde gezeigt. Stattdessen sieht man Frank Sheeran in einer Montage eine Tatwaffe nach der nächsten in den Fluss werfen. Zu Beginn steckt vor allem im von De Niro gesprochenen Voice Over viel Witz. Doch je länger der Film dauert, desto ernster werden die Themen und desto seltener das Lachen.

Frank Sheeran wird zum Teil der Mafiafamilie, als er Russell Bufalino kennenlernt. Joe Pescis Ruhe und Bedachtheit, die er der Figur einhaucht, wirken umso stärker, bedenkt man seine exzentrischen und mordlüsternen Figuren aus früheren Scorsese-Filmen. Ohne großes Geschrei strahlt er in „The Irishman“ Macht und Bedrohlichkeit aus. Als Frank Sheeran einem anderen Mafioso das Geld für einen Job zurückgeben will, reicht es vollkommen aus, dass Pesci De Niro sanft die Hand auf den Arm legt und fast schon flüstert: „He won‘t need it“.

Als sich Sheeran bereits als persönlicher Hitman für Russel Bufalino etabliert hat, lernt er Jimmy Hoffa kennen. Al Pacino spielt die Rolle, die in einem früheren Scorsese-Film noch an Pesci gegangen wäre. Er schreit, wütet und hält nie still. Doch Hoffa steht in der Öffentlichkeit, ist Präsident einer großen Truckergewerkschaft. Er trägt Verantwortung, kann sich nicht die Finger schmutzig machen. Deshalb engagiert er Frank Sheeran genau dafür. Auch zwischen den beiden entsteht eine enge Freundschaft.

Über die Jahre folgt man De Niro, Pesci und Pacino als Sheeran, Bufalino und Hoffa. Möglich machen das die visuellen Effekte, durch die alle drei einer digitalen Verjüngungskur unterzogen wurden. Das ist zumeist glaubwürdig, einzig in einer Szene mit De Niro als Sheeran in seinen Zwanzigern glänzt das Gesicht viel zu stark und sieht nach Videospiel aus. Doch abgesehen davon nimmt man die Effekte irgendwann nicht mehr wahr. Bei dreieinhalb Stunden hat man schließlich genug Zeit, sich dran zu gewöhnen. Schwieriger zu kaschieren ist das Alter der Schauspieler in der Körperlichkeit. Im Gegensatz zu den Gesichtern sind die Bewegungen die von alten Männern. Dadurch wirken Szenen, in denen die Figuren sich schneller bewegen, kämpfen oder rennen etwas merkwürdig.

Die lange Laufzeit bietet Scorsese genug Spielraum, um das tägliche, sich immer wiederholende Mafia-Geschäft zu zeigen. Dieses ständige Auf-der-Stelle-Treten ist bei dreieinhalb Stunden aber unvermeidlich anstrengend. Der Film verliert das Tempo, das er noch zu Beginn hatte. Vielleicht ist „The Irishman“ deshalb genau richtig auf Netflix. Das konsumieren in Teilen könnte den Filmgenuss aufgrund der enormen Länge durchaus positiv beeinflussen. Ob das letztlich von Scorsese so gedacht war oder nicht.

Aber der Regisseur kann einfach nicht anders. Sein letzter Spielfilm, der kürzer als zwei Stunden war, heißt „The Color of Money“ (1986). Laufzeit: Eine Stunde und neunundfünzig Minuten. In einer Zeit, in der die Aufmerksamkeitsspanne immer geringerer wird, scheint das Werk des altgedienten Scorsese auf dem vergleichsweise neue Medium gut aufgehoben zu sein.

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