Die Angst vor dem leeren Blatt

Der Regisseur André Øvredal lässt in seinem Horrorfilm „Scary Stories to Tell in the Dark“ Grusel- und Horrorgeschichten aus dem Buch einer Toten wahr werden.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Das moderne Kinojahr hat ein paar Konstanten: Der Sommer ist die Zeit für große, sommerloch-füllende Blockbuster. Der Winter ist die Zeit für prädikat-wertvolle Preisverleihungs-Favoriten. Vor Ostern gibt es die Passionsfilme und direkt vor Weihnachten? Na klar, einen neuen „Star Wars“. Und dann gibt es noch Halloween. Dass da vorrangig keine Liebesschnulzen anlaufen, wie zum Valentinstag, sollte auch klar sein.

In einem der diesjährigen Halloween-Starts muss eine Gruppe Teenager sich einer übernatürlichen Bedrohung entgegenstellen, die sie mit ihren Ängsten konfrontiert. Klingt stark nach „IT“ und dem Horror-Clown Pennywise? Stimmt. Und vermittelt tatsächlich auch ein ähnliches Gefühl. Die Gruppendynamik zwischen den Teenagern war eine der großen Stärken von „IT“ und vermittelte dieses wunderbare Ungleiche-Freunde-in-amerikanischer-Vorstadt-in-der-Vorhandyzeit-halten-zusammen-und-kämpfen-gegen-Übernatürliches-Gefühl, das man dem Film hundertprozentig abkauft.

In „Scary Stories to Tell in the Dark“ des Regisseurs André Øvredal funktioniert das ebenso erstaunlich gut, wenn auch die Gruppe kleiner ist. Sie besteht ursprünglich aus der taffen Stella – sie möchte Autorin werden, die Poster an ihrer Wand zeugen von einer besonderen Vorliebe für Horrorfilme –, dem nur taff wirkenden, vorlauten Chuck – eigentlich ist er der größte Angsthase – und Augie – seine Eltern sind scheinbar nie zuhause, weshalb er bei seinen Freunden nach Halt sucht. Als sie sich an Halloween 1968 mit einer Gruppe von älteren Bullies anlegen, macht der hilfsbereite Ramón als Retter in der Not aus dem Dreiergespann ein Quartett.

Ist die Gruppe schließlich komplett, lässt der übernatürliche Horror nicht lange auf sich warten. Zusammen brechen sie, wie sich das an Halloween gehört, in das verlassene Spukhaus der Familie Bellows ein, um das sich viele Geschichten ranken. Durch eine Geheimtür gelangen die Vier in den tristen Kellerraum, der für die Tochter der Familie, Sarah Bellows, zum Gefängnis wurde. Warum das kleine Mädchen eingesperrt war, müssen die Freunde erst noch herausfinden.

Stella entdeckt schließlich Sarahs Buch. Darin: Gruselgeschichten, geschrieben mit Blut, aus Mangel an Stiften oder Tinte. Stella sagt die magischen Worte: „Sarah, tell me a story“ und das Buch antwortet, indem eine neue Geschichte auf den noch leeren Seiten erscheint: in Blutrot. Als die Story um die zum Leben erwachende Killer-Vogelscheuche Harold wahr wird und der Bully-Anführer Tommy dran glauben muss, ist klar: Es war vermutlich nicht die beste Idee, einem toten verfluchten Mädchen das Einzige zu stehlen, was es in ihrem Kellerraum hatte. Und so einfach wird man das Buch nicht mehr los. Weder zurückbringen noch verbrennen hilft: Sarahs Buch taucht immer wieder auf, genauso wie sich immer neue Geschichten von selbst schreiben. Gemeinsam müssen sich die Freunde gegen Sarah und ihr Buch zur Wehr setzen und einen Weg finden, die real Horrorgeschichten zu stoppen.

Die Monster, die diese Geschichten zum Leben erwecken, tragen eindeutig die Handschrift des Produzenten und Co-Autoren Guillermo del Toro. Eine dicke Frau mit furchteinflößend freundlichem Grinsen könnte auch genauso aus „Panʼs Labyrinth“ oder „Hellboy“ entsprungen sein. Das Make-up trägt dabei einen großen Anteil am Gruselfaktor. Die Monster sehen stets furchteinflößend und eben nicht albern aus. Die dicke Frau ist dazu noch ein sehr unkonventionelles Horrorfilmmonster mit ihrem freundlichen Grinsen und ihren zeitlupenartigen Bewegungen, was sie nur noch unheimlicher macht.

Del Toros Einfluss wird aber auch noch an anderen Stellen deutlich. So hängt in Stellas Raum ein Poster zum Film „Creature from the Black Lagoon“, von dem sich der mexikanische Filmemacher für seinen Oscargewinner „The Shape of Water“ (unter anderem Bester Film und Beste Regie) inspirieren ließ. Auch die Entscheidung, den Film zu Zeiten des Vietnamkriegs spielen zu lassen, ist vermutlich auf Guillermo del Toro zurückzuführen. Häufig lässt er Filme in Kriegszeiten handeln: „The Shape of Water“ spielte während des Kalten Krieges, „Panʼs Labyrinth“ und „Hellboy“ (teilweise) während des Zweiten Weltkrieges und „Pacific Rim“ in einem fiktiven Zukunftskrieg mit außerirdischen Monstern.

In „Scary Stories to Tell in the Dark“ sieht man US-Präsident Nixon im Fernsehen, der Vietnamkrieg ist immer wieder Gesprächsthema. Das sorgt für eine noch bedrückendere Stimmung.

Durch düstere Sets und intelligenten Spannungsaufbau wird ein bedrohliches Gefühl vermittelt. Die Anzahl der Jump Scares wird zum Glück geringgehalten, denn sie brechen meist nur die klug erzeugte Stimmung. André Øvredals Film hat zwar einige durchaus schockierende Momente und Monster, aber ist insgesamt eher ein Horrorfilm der bequemeren Art. Trotzdem: Wenn man mal ein „Scary Stories“-Buch von Sarah Bellows in der Hand hält, in dem noch freie Seiten sind, sollte man besser nicht nach einer Geschichte fragen.

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