Rauschgift

Mit seinem Film „Parasite“ hat Bong Joon-ho 2019 die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Er entlarvt darin die Gier nach Wohlstand, und zwar so eindrucksvoll, dass einem das anfängliche Lachen im Hals stecken bleibt.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Wie erzählt man von einem Film, über den man nur minimal sprechen darf? Der Regisseur Bong Joon-ho bat im Voraus der Kinopremiere von seinem Film „Parasite“ das Pressepublikum um etwas, was eigentlich Grundsatz einer Filmkritik sein sollte. „Spoilern Sie nicht. Ich bitte Sie inständig, spoilern Sie nicht.“ Oft juckt die Versuchung in den Fingern, sich in herrlichen Be- und Umschreibungen des Inhalts zu verlieren, später folgt dann die unzufriedene Erkenntnis, zu viel Geschichte, zu wenig Einordnung geleistet zu haben. Bei „Parasite“ also sollten die Kinozuschauer im Saal sitzen und möglichst unvorbereitet sein auf das, was kommen wird. Sie sollen im besten Fall weder wissen, worin der Konflikt des Films besteht oder ob es überhaupt einen gibt, noch welche Motive die Figuren haben, wenn sie denn welche haben.

Im Frühjahr 2019 hat der südkoreanische Filmemacher die Goldene Palme in Cannes gewonnen, die Aufmerksamkeit und die Erwartungen des gemeinen Kinogängers dürften also höher sein als unter anderen Umständen. Wenn nun nahezu nichts Inhaltliches über diesen Film gesagt werden darf, so darf eines dennoch nicht ungesagt bleiben: „Parasite“ ist ein unverschämt cleverer Film, der einem ein süffisantes Lächeln aufs Gesicht haucht, nur um es dann stückweise wegzupusten.

Die Familie, um die es geht, lebt im Keller, sie nistet darin, möchte man sagen. Dreckiger Regen flutet den Moloch, in dem Vater, Mutter, rotzige Mitte-20-Tochter und College-Sohn Matschiges essen, das wie Katzenfutter aus der Dose aussieht, und selbstironisch über ihre Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit feilschen. Nicht mal W-Lan gibt es hier. Die Tochter Kim Ki-jung steigt auf den Toilettendeckel und hält ihr Smartphone mit gestreckten Arm an den einzigen Lichtspalt, hofft, dort oben sei genug Freiheit, um ihr Internetzugang zu schenken. Das Smartphone wird noch häufiger wiederkehren, mal in diabolischer Funktion als dasjenige Gerät, mit dem die späteren Parasiten drohen entlarvt zu werden oder wenn ein einziger Klick auf das Display dem Auslöser einer Atombombe Nordkoreas gleicht.

Bong Joon-ho liebt die Metaphorik, in vielen kleinen Details setzt sich das Parasitäre durch, das titelgebend ist. Was der Titel also allein schon verrät, ist das Schmarotzige. Hauptdarsteller sind garstige Würmer, die sich vom Wohlstand eines Wirtes nähren, die im fremden Prunk suhlen und davon profitieren. Bong Joon-hos Film ist eine Allegorie. Eine Allegorie auf die Klassengesellschaft und auf das Gefälle zwischen Arm und Reich, das in Metropolen wie Seoul so groß ist, dass man beginnt, die Reichen für ihren Reichtum zu verabscheuen und die Armen für ihre Armut zu bedauern. Bong Joon-ho zeigt nun, was passiert, wenn die Abscheu vor den Wohlhabenden zu groß wird, wenn sie sich umwandelt in eine Gier, die nicht allein materiell ist, sondern in einen Rausch übergeht. Dass dieser Rausch ansteckend ist und wie Gift für die Parasiten, merken sie erst, wenn es zu spät ist.

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