Was Eltern nicht für möglich halten

Ziska Riemann steht mit ihrer Sexkomödie „Get Lucky“ blank da.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Aaron hat keine Zeit. Ein Treffen mit der unbekannten Telefonsex-Stimme steht an, er darf nicht zu spät kommen. Seinen Freund Mehmet wimmelt er ab mit den Worten: „Sorry Diggi, die Bitch wartet.“ Politisch korrekt drückt sich in Ziska Riemanns neuem Film „Get Lucky“ keiner aus. Und gegendert wird erst recht nicht. Was durchaus Sinn ergibt, denn ein Film, in dem sich Jugendliche sprachlich so ausdrücken wie Sprachwissenschaftler und Genderbeauftragte das gerne wollen, kann sich nicht lebensnah anfühlen. Im Film ist das sogar Thema, wenn Mehmet beispielsweise sagt: „Wo bleibt deine Political Correctness, diggi?“ oder: „Mist, ich bin echt so ein miserabler Feminist.“

Riemann will in ihrem Film die Jugendlichen ausbrechen lassen – sprichwörtlich. Ohne Eltern macht eine fünfköpfige Freundesgruppe Urlaub auf der fiktiven deutschen Jungferninsel, auf der zunächst nix los zu sein scheint. Aber wie sich herausstellt, ist die Gastgeberin Ellen (Palina Rojinski) von Beruf Sexologin, besitzt allerlei Sexspielzeug, verteilt kostenlos Kondome und hat stets einen sexuellen Tipp parat. Und zum Glück trifft man am Strand auf allerlei ebenfalls sexbedürftige Gleichaltrige.

Sex, Sex, Sex bestimmt „Get Lucky“. Das Verlangen danach gibt es im Film in allen Variationen. Da ist Aaron, der unbedingt Sex will, mit wem, ist eigentlich egal, solange es ein Mädchen ist. Oder David, der sich in den heißen, jungen Surflehrer Noah verguckt. Zwischen den beiden im unerfüllbaren Liebesdreieck steht Julia, Davids beste Freundin, die nicht so recht akzeptieren will, dass ihr Angebeteter homosexuell ist. Und dann ist da noch das Pärchen Mehmet und Hannah, das es irgendwie nicht schafft, offen über Sex zu reden.

Jugendliche, die mit Dildos rumwackeln, sich eine riesige Plüschvagina über den Kopf ziehen oder schlechten Telefonsex haben. Darüber kann vermutlich überwiegend lachen, wer selbst gerade tief im pubertär-sexuellen Wahn gefangen ist oder den Humor von damals konserviert hat.

Weniger zum Lachen ist, dass Aaron, der pseudocoole Sprüche klopft, angesichts eines Sex-Ratgebers etwa: „Wenn du das befolgst, kriegst du so viel Pussy, dass du zwei Schwänze bräuchtest“, am Ende trotzdem das hübsche Mädchen abkriegt. Klar, man könnte argumentieren, dass er am Ende seine gerechte Strafe erhält, weil er beim ersten Mal zu früh kommt. Aber wer hier eine direkte Verbindung erkennen möchte, muss schon um ziemlich viele Ecken denken.

Auch die Botschaften, die der Film zu Intimrasur – mit Behaarung = kein Sex und Bodyshaming und Gewicht – trotz normalem Po sagt eine Figur: „Ich hab nen fetten Arsch“ und niemand widerspricht – vermittelt, sind mindestens streitbar.

Ein Lichtblick ist, wie normal mit dem Thema Homosexualität umgegangen wird. Endlich mal keine Anfeindungen, die den moralischen Zeigefinger heben, sondern ein Positivbeispiel, wie ein normaler, verständnisvoller Umgang mit dem Thema aussehen sollte.

Abgesehen davon funktioniert jedoch nicht allzu viel. Das politisch Unkorrekte in der Sprache fühlt sich zu sehr erzwungen an und macht die Dialoge weder glaubhaft noch amüsant. Für Menschen, die sich gerne fremdschämen, hat der Film insofern einiges zu bieten. An einem Abend stehen alle Jungs aufgereiht am Strand und veranstalten einen Onanier-Kontest, während die Mädels aus der Ferne zuschauen. Charakterlicher Tiefe sucht man derweil vergebens. Wer für die Figuren mehr als drei beschreibende Adjektive findet, der muss schon ein wahrer Synonym-Künstler sein.

Ziska Riemann schafft es nie, auch nur ansatzweise realistische Darstellungen aus ihren Schauspielern herauszukitzeln. So entfaltet sich ein konstant hölzernes und unglaubwürdiges Spiel. Hinzu kommen offensichtliche Anschlussfehler: Figuren, die nach Schnitten einfach aus dem Bild verschwinden, Toiletten, die ohne Betätigung des Knopfes von selbst spülen, oder Flaschen, die sich, zunächst ausgetrunken, auf wundersame Weise wieder auffüllen. Man weiß gar nicht, was schlimmer wäre: Wenn die Fehler aus Versehen passiert sind oder eine bewusste Entscheidung waren.

Auch wenn der Film selbst in Person der Sexologin die Jugendlichen in einigen Bereichen (Mythos Jungfernhäutchen, erste Periode, Sexspielzeug) aufklärt, kann man nur inständig hoffen, dass kein Zuschauer von diesem Film aufgeklärt wird!

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