Ein filmischer Drogentrip

Der Regisseur Ari Aster beweist mit seinem zweiten Horrorfilm „Midsommar“, dass sein Debüt „Hereditary“ nicht aus Versehen ein Riesenerfolg war.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Beeindruckende Landschaften, blühende Wiesen, friedlich grasende Kühe und Kinder, die lachend fangen spielen. Beruhigende Flötenmusik. Fast könnte man meinen, man sei aus Versehen in einem Inga-Lindström-Film gelandet. Aber der Autor und Regisseur heißt Ari Aster und steht nicht unbedingt für Wohlfühlstimmung. Sein zweiter Langspielfilm „Midsommar“ ist in der schwedischen Pampa angesiedelt. Dass hier alles definitiv zu schön ist, um wahr zu sein, ist von Beginn an klar.

Nicht nur für diejenigen, die sich an den ersten Film des 33-jährigen US-Amerikaners erinnern. 2018 hatte Aster mit seinem Debüt „Hereditary“ einen Film geschaffen, der im Kern eine dramatische Familientragödie hatte. Drumherum hatte er seinen intelligenten und unter die Haut gehenden Horror gestrickt. Mit einer solchen Qualität im Horrorgenre, das sich häufig durch billige und schlechte Filme auszeichnet, traf er einen Nerv: „Hereditary“ war nicht nur ein finanzieller Erfolg, sondern konnte dazu viele Preise gewinnen.

Bei „Midsommar“ geht Ari Aster keine ganz neuen Wege. Dem Horrorgenre bleibt er treu, ebenso wie der Familientragödie. Kann er aber auch an die enorme Qualität seines Debütfilms anknüpfen?

In seinem zweiten Film schickt Aster fünf junge, erwachsene Freunde aus den USA auf einen Trip nach Schweden ins malerische Dörfchen Hårga. Pelle (Vilhelm Blomgren), einer aus der Gruppe, ist dort aufgewachsen und darf die anderen zur besonderen Mitsommerfeier, die nur alle 90 Jahre stattfindet, mitbringen. Was eigentlich eine Verarbeitungsreise werden soll für die tragische Hauptfigur Dani (Florence Pugh), die einen furchtbaren Schicksalsschlag erleiden musste, wird nach und nach zum Horrortrip. Dabei ist zu Beginn in Schweden noch alles entspannt. Einem halluzinogenen Drogentrip mit Pilzen folgt ein netter Empfang in Hårga. Die Dorfbewohner scheinen warme und offenherzige Menschen zu sein, Gemeinschaft steht an erster Stelle. Doch nach und nach verschwinden Menschen und es passieren merkwürdige und schockierende Dinge. Befremdliche und brutale Opferrituale werden zelebriert. Soll man das als fremde Kultur mit anderen Sitten akzeptieren, oder mischt man sich als außenstehender Gast ein in den schwedischen Hinterwäldler-Kult?

Ari Aster entfaltet den Horror, den die Freunde durchleben müssen, ganz langsam, was die Wirkung enorm verstärkt, und schwankt dabei zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Mit zweieinhalb Stunden hat der Film eine stattliche Laufzeit. „Midsommar“ fühlt sich teilweise fast schon meditativ an, als Zuschauer wird man unbewusst Teil der Zeremonie. Langeweile kommt trotzdem nicht auf, denn getragen wird der Film von unglaublich guten Darstellern. Will Poulter ist Mark, der lustige Idiot der Gruppe, der sich nicht so recht standesgemäß zu verhalten weiß und damit einigen Ärger der Dorfbewohner auf sich zieht. Jack Reynor spielt den fast schon zu liebenswürdigen Christian, den Freund von Dani. Deren Beziehung hat ihre besten Tage längst hinter sich, aber beide scheinen den Absprung verpasst zu haben. Der Auslandstrip könnte das Feuer entweder neu entfachen oder für das endgültige Aus sorgen.

Sie alle überstrahlt der britische Shootingstar Florence Pugh. Sie schafft es auf extrem mitreißende Art, Danis schreckliche Trauer und tiefsitzende Verzweiflung nahbar werden zu lassen. Vor allem wenn sie all das Fürchterliche zu überspielen versucht, es ihr aber trotzdem noch allzu deutlich anzumerken ist, kann einem durchaus das Herz brechen.

Um die immer dramatischer werdende Handlung baut Ari Aster ein filmisches Kunstwerk. Passend zum Klingeln eines Telefons setzt er Bildschnitte. Bei einer Fahrt lässt er die Kamera über dem Auto fliegen und sie langsam kopfüber nach vorne vor das Fahrzeug sinken, sodass das Auto plötzlich an der Decke fährt. Bei einem intelligenten fließenden Ortswechsel ohne Schnitt kommt man durch eine Kamerafahrt von der Wohnung ins Flugzeug. In jeder Faser des Films spürt man, dass hier jemand am Werk ist, der das Medium Film und das Spiel damit liebt. Ari Aster hat viele verrückte Ideen, das Studio A24 gewährt ihm freie Hand. Und irgendwie funktioniert alles.

Der Sound dröhnt, das Makeup wechselt von wunderschön zu verstörend. Am meisten beeindrucken aber die Sequenzen, in denen die Figuren unter Drogen stehen. Dann ist nämlich das ganze Bild in Bewegung, nur die Personen selbst sind es nicht. Um sie herum fließt alles und windet sich wie Würmer. Ein Look wie ein psychotisches Ölgemälde. „Die Sternennacht“ von van Gogh trifft auf den Surrealismus von Dalì. „Midsommar“ fühlt sich an wie ein Drogentrip, irgendwo zwischen wunderschönem Sommertraum und horrorhaftem Alptraum.

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