Spielzeug on the road

„To infinity and beyond“: Der vierte „Toy Story“-Film ist die Krönung der Reihe

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Woody und Buzz Lightyear. Wer mal einen „Toy Story“-Film gesehen hat, der wird sich an diese Namen erinnern. In mittlerweile drei Filmen hat Pixar sein Spielzeug zum Leben erweckt. Cowboy Woody und Space Ranger Buzz mussten lernen, mit bösen Kindern zurechtzukommen, nicht verkauft zu werden und den Kindergarten zu überleben.

In „Toy Story 4“ sind die Spielzeuge mit ihrer neuen Besitzerin Bonnie unterwegs. Deren Eltern begeben sich mit ihr, dem Wohnmobil und natürlich allen Spielzeugen auf einen Roadtrip. Neu mit dabei: Forky, ein von Bonnie aus Gegenständen aus dem Müll gebasteltes Spielzeug. Eine Plastikgabel als Körper, ein mit Kaugummi befestigter, kaputter Eisstil als Füße, Knete für Mund und Augenbraue, eine Filzschnur als Arme und Wackelaugen.

Woody übernimmt die Verantwortung für Forky, der wie ein behindertes Kind wirkt und sich besonders stark zum Müll hingezogen fühlt, wo seine Einzelteile einst herkamen. So springt er, zum neuen Schlafbegleiter ausgewählt, nachts immer vom Bett in den daneben stehenden Mülleimer, woran Woody ihn abzuhalten versucht.

Forky versteht nicht wirklich, was es bedeutet, ein Spielzeug zu sein. Dass Woody die erklärende und umsorgende Vaterrolle annimmt, fühlt sich erfrischend und neu an im Toy-Story Kosmos.

„Toy Story“ war 1995 der erste komplett computeranimierte Langspielfilm der Filmgeschichte, ein Meilenstein der Technik. „Toy Story 2“ setzte diesen Erfolg vier Jahre später fort. Mit „Toy Story 3“ war 2010 eigentlich der perfekte Abschluss einer in sich runden Spielzeug-Trilogie gelungen. Im dritten Teil konnte Pixar erneut zeigen, was mit Animationsfilmen alles möglich ist: Eine beeindruckende Lichtsetzung, fotorealistische Einstellungen, starke Mimik der Figuren und eine intelligente sowie rührende Geschichte. Die verdiente Folge: fünf Oscarnominierungen, unter anderem als Bester Film, in zwei Kategorien hat der Film dann auch gewonnen, darunter im Wettbewerb um den Besten Animationsfilm.

Jetzt also bringt Pixar erneut eine „Story with Toys“ auf die Leinwand. Josh Cooley gibt dabei sein Langspielfilm-Debüt als Regisseur. Aber können er und das Tochterstudio von Disney die Qualität so hochhalten wie bisher?

Die Animation ist weiterhin herausragend. In einer Szene direkt zu Beginn des Films wirkt der Regen so realistisch, dass man daran zweifelt, wirklich einen komplett computeranimierten Film zu sehen. Pixar hat vieles perfektioniert: das Spiel mit Licht und Schatten, den scheinbar endlose Detailreichtum, die liebevolle Mimik der guten Spielzeuge und die furchteinflößende Mimik der bösen Spielzeuge. Eine Gruppe von Bauchredner-Puppen, die durchaus einem Horrorfilm entsprungen sein könnten, wird angeführt von der Baby-Born-artigen Puppe Gabby Gabby, deren Sprachbox kaputt ist. Weil sie das als Grund dafür sieht, dass kein Kind mehr mit ihr spielen möchte, hat sie es auf Woody und dessen intakte Sprachbox abgesehen.

Die bekannten Sprecher – unter anderen Tom Hanks als Woody und Tim Allen als Buzz Lightyear – aus den alten „Toy Story“-Teilen schaffen es auch hier wieder, den Spielzeugen viel Emotionalität und Witz einzuhauchen. Neue Sprecher wie Keanu Reeves als kanadisches Stunt-Spielzeug mit Minderwertigkeitskomplex Duke Caboom, das Comedy-Duo Jordan Peele und Keegan-Michael Key als zusammengenähtes Comedy-Kuscheltier-Duo und Tony Hale als Forky bringen so viel guten Humor in den Film, dass „Toy Story 4“ zum witzigsten Teil der Reihe wird.

Aber auch emotional weiß Pixar wieder die richtigen Fäden zu ziehen. Nachdem die Porzellanpuppe Bo Peep im dritten Teil fehlte, feiert sie hier ein starkes Comeback. Sie hilft den anderen Spielzeugen ein ums andere Mal aus der Klemme, und auch die Liebesbeziehung zwischen ihr und Woody flammt wieder auf.

Einzig Buzz Lightyear wird manchmal zu dumm dargestellt. Im ersten Teil war er noch das Spielzeug, das dachte, es sei wirklich ein Space Ranger. Diese Naivität konnte er in den zwei Fortsetzungen ablegen. Als Woody ihm im neusten Teil von der inneren Stimme erzählt, denkt Buzz, damit seien die eingespeicherten Sprachbefehle gemeint, die erklingen, wenn seine Knöpfe gedrückt werden. Das ist durchaus witzig, fühlt sich für die Entwicklung der Figur aber wie ein Rückschritt an.

„Toy Story 4“ funktioniert nicht nur als Fortsetzung, sondern als eigenständiger Film. Er ist kein simples Copy & Paste der vorangegangenen Teile, sondern ist kreativ und ideenreich, unterhält und ist dabei niveauvoll. Der Film schafft es, auf eine einfühlsame Art emotional zu berühren. Und wer am Ende des Films keine nassen Augen hat, wenn Buzz „To infinity...“ sagt, und Woody den Wahlspruch der beiden mit „...and beyond“ zu Ende führt, der wird auch bei keinem anderen Film nasse Augen haben.

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