Gelacht, geweint, geliebt

Pedro Almodóvar  spiegelt sich selbst in seinem neuen Film „Dolor y gloria“ – und man sieht ihm sehr gerne dabei zu.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Kunst und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theater-, Operngänger und Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Kulturlebens: das Schaffen und Erleben von Kunst.

Die Vorstellung klingt mehr als verführerisch, den Computer eines berühmten spanischen Autorenfilmers nach unfertigen Skripten zu durchsuchen. Genau das macht Alberto, ein Schauspieler, während sein Kumpel, der mit Heroin zugedröhnte Regisseur Salvador, auf dem Sofa eingenickt ist. Die Skripte tragen alles wie nichts sagende Titel: „El primer deseo“ (Die erste Liebe) oder „La adicción“ (Die Sucht). Alberto liest sich heimlich die letztere Datei durch und so langsam tauchen auch wir als Zuschauer in das Leben des Autorenfilmers ein. In Lebensabschnitte, die schon aufgeschrieben, aber noch nicht auserzählt wurden.

Bis jetzt. Der (fiktive) spanische Autorenfilmer Salvador ist niemand anderes als ein Alter Ego des (realen) Autorenfilmers Pedro Almodóvar. Die Selbstreflexion zieht sich als roter Faden durch sein Lebenswerk. Viele seiner Protagonisten sind wie Almodóvar Regisseure, Autoren, Schauspieler und Sänger.

Auch in Almodóvars 21. Film „Dolor y gloria“ sind die Parallelen extrem deutlich zwischen ihm und dem alternden Salvador. Antonio Banderas, der für diese Rolle in Cannes mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet wurde, kommt mit seinen grauen Bart- und Haarstoppeln und den knalligen Pop-Art-Hemden Almodóvar optisch genauso nah wie physisch mit seinem gebrechlichen Spiel. Bei jedem Hinsetzen und jedem Hinknien verzerrt Banderas sein Gesicht. Seine Bewegungen sind langsam und bedächtig.

Die Knie-, Rücken- und Kopfschmerzen plagen den Regisseur Salvador so sehr, dass er das Skript „La adicción“ nicht mehr verfilmen kann. Der Schauspieler Alberto führt es stattdessen als Theaterstück auf. Es ist genauso fragmentarisch und nicht-chronologisch wie der Film. Kindheit, Jugend, Erwachsen- und Altsein changieren wie der Erinnerungsstrom eines in die Jahre gekommenen Manns.

Da sehen wir den jungen Salvador, wie er zuerst mit seiner Mutter (Penélope Cruz) am Bahnhof übernachtet, und wie er später mit ihr in eine Höhle in Valencia zieht, weil die Familie zu arm für ein Haus ist. Da sehen wir den älteren Salvador, wie er sich um seine kranke Mutter kümmert. Geduldig und liebevoll hört er ihr zu, wie sie im Sarg liegen möchte. Mit Rosenkranz und Kopftuch, aber ohne Schnur um die Beine. Im Himmel möchte sie frei sein.

Das Risiko, nicht alle Episoden des Lebens gleich ausführlich zu erzählen, wird zur Stärke dieser Semi-Autobiografie. Wenn Salvador seinem früheren Freund Federico nach vielen Jahren gegenübersitzt und er ihm still zuhört, wie der andere von seinem Umzug nach Argentinien, von seiner Frau, von seinen Kindern, von seiner jetzigen Freundin berichtet, spielt sich in Banderas Gesicht ein qualvoller Wechsel der Gefühle ab. Das Aussparen mancher Rückblicke ist gewollt. Allein die Gesichtsausdrücke der beiden Männer sprechen von einer tiefen Vertrautheit aus vergangenen Tagen.

Die exaltierten Gesten der frühen Filme von Almodóvar weichen der Intimität des Spätwerks. Seine Melodramen sind leiser geworden. Im Kern handeln sie immer noch von den großen Gefühlen und der Unmöglichkeit, sie auszuleben. Einmal sitzt der jungen Salvador am Tisch mit einem analphabetischen Handwerker. Der Deal der pragmatischen wie abgehalfterten Mutter: Der Handwerker richtet die Haus-Höhle her, dafür bringt Salvador ihm Rechnen und Schreiben bei. Der Kleine führt den Bleistift in der Hand des Großen so zärtlich über das Blatt Papier, so dass nicht viel mehr gesagt werden muss.

Wenn es solche Leinwandmomente gibt, ist es egal, wieviel Koks, wieviel Heroin und wieviel Krankheiten Almodóvar im wirklichen Leben überlebt hat – somit wie autobiographisch oder wie imaginiert dieser Film ist. Wenn am Ende klar wird, das alles nur ein Spiel ist und die ganze Welt eine Bühne, dann sind wir – die Zuschauer – genauso wie die Darsteller Teil von Almodóvars Kinouniversum. Wir haben zusammen gelacht, wir haben geweint, wir haben geliebt. Nichts ist wahrer als das.

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