Geschwisterneid

Im japanischen, oscarnominierten Animationsfilm „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ von Mamoru Hosoda hat der vierjährige Kun mit Mussgunst und Vernachlässigung zu kämpfen – und seine Eltern ringen um die richtige Erziehung.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Als Kun seine wehrlose, neugeborene Schwester in einem Anflug von Rage mit einem Spielzeug-Zug schlägt, werden seine Eltern sauer und schreien ihren Sohn an. Der war sich der Konsequenzen seines Handelns kaum bewusst. Daraufhin fangen alle an zu weinen. Es herrscht Chaos. Alle schreien durcheinander. Riesige Tränentropfen strömen aus den großen Augen der Anime-Figuren. So viel, dass kein Realismus auf visueller Ebene übrig bleibt. So viel, dass in wenigen Sekunden alles unter Wasser stehen müsste. So viel, dass dadurch der tiefsitzende Schmerz allzu deutlich wird. Die Szene ist so überzeichnet, dass selbst der Hund in das Heulspektakel einstimmt. Und sie funktioniert, weil die Gefühle durch die maßlosen Übertreibungen ankommen. Der Film trifft in vielen Szenen den emotionalen Nagel auf den Kopf, auch oder gerade weil sie komplett überzeichnet sind, visuell sowie thematisch.

Das unüberlegte Handeln von Kun gegen seine Schwester ist nur eines von vielen Beispielen, wie in „Mirai“ typische Situationen mit kleinen Kindern thematisiert werden. Das Tatwerkzeug steht für die extreme Fixierung des vierjährigen Kun auf Züge. Stundenlang kann er in seinem Zimmer eine Zugstrecke aufbauen und damit spielen. Nur um in einem Anflug von Wut alles wieder kaputt zu machen. Züge als Spielzeug, ein Zug auf dem Pullover, Bilder von Zügen oder Klebestreifen, die so aussehen wie Gleise. Sie halten ein Foto an der Wand, als die Welt für ihn noch in Ordnung war: nur Kun und seine Eltern, traute Dreisamkeit.

Der Regisseur und Autor Mamoru Hosoda hat sich dazu entschieden, den Film komplett aus der Sicht des kleinen Jungen zu erzählen. Dadurch bekommt man einen intensiven Einblick in die Gefühlswelt des Vierjährigen.

Diese ist vor allem durch den starken Geschwisterneid nach der Geburt der kleinen Schwester geprägt. Es geht darum, wie Kun damit umgeht, dass sich die Welt plötzlich nicht mehr um ihn allein dreht.

Über Nacht vom Einzelkind zum großen Bruder geworden, wird die anfängliche Freude über die Schwester schnell getrübt, als Kun merkt, dass die noch gar nicht mit ihm spielen kann. Und die Eltern haben jetzt auch keine Zeit mehr für ihn. Aus Vernachlässigung wird Enttäuschung, daraus Wut und die Schuldige dafür ist schnell gefunden: die kleine Schwester Mirai, seit deren Ankunft sich alles zum Schlechten verändert hat.

Die Mutter geht nach der Geburt schnell wieder arbeiten und so ist es der überforderte, von zuhause am Laptop arbeitende Vater, der sich um Kleinkind und Baby kümmern soll. Das Durcheinander sorgt zwar für ein paar kleinere Lacher, das hat man aber auch schon hundert Mal gesehen. Zuletzt in „Die Unglaublichen 2“, wo die Superheldin Elastigirl arbeiten geht und deshalb Mr. Incredible für Recht und Ordnung im Haus sorgen muss. Das Chaos mit den drei Kindern, die Überforderung im Haushalt und die Erschöpfung des Vaters sind bis ins kleinste Detail perfektioniert und sehr viel witziger als in „Mirai“.

Hier geht es um etwas anderes. Kun, das trotzigste Kind der Kinogeschichte, fühlt sich zu Recht vernachlässigt und ist enttäuscht. Die Eltern erkennen den Ernst der Lage nicht. Keiner scheint Kun zu verstehen, keiner ihm Aufmerksamkeit zu schenken, keiner ihm helfen zu können.

Bis der Garten auf magische Weise zu einem Zeitreiseportal wird, das Menschen aus anderen Zeiten zu Kun bringt und ihn selbst in andere Zeiten teleportiert. Die Vorkommnisse helfen ihm dabei, die aktuelle Situation besser zu verstehen und die Beziehung zu seiner kleinen Schwester Mirai zu überdenken. Dabei weicht der Realismus wie schon vorher dem Überzeichneten und wird hier zum Phantastischen, um den Kern des Ganzen durch Übertreibung zu verdeutlichen.

Was nicht deutlich wird, ist, für wen der Film ist. Er soll irgendwie zugleich an Erwachsene und Kinder gerichtet sein, allerdings sind einige Szenen für Kinder zu gruselig, manche Themen zu ernst, beispielsweise in einer Szene, die im Zweiten Weltkrieg spielt. Anderen Szenen richten sich wiederum nur an Kleinkinder, da sie für ein erwachsenes Publikum viel zu albern sind. Ein Beispiel dafür ist eine Szene, in der sich Kun mit zwei Begleitern in übertrieben langsamen Bewegungen an seinen Vater anschleicht, dabei die Gesichter zu albernen, aufgeregten Fratzen verzogen. Der Spagat zwischen unterhaltsamem Kinderfilm und Animationsfilm mit ernster Thematik für Erwachsene klappt nicht immer.

Was hingegen funktioniert, sind die mehrschichtigen Figuren. Sie haben Macken und machen Fehler. Sie sind Menschen, die sich wie aus dem wahren Leben anfühlen, nicht wie perfekte Disneyfiguren, die im Kampf zwischen dem ultimativ Guten und Bösen gefangen sind. Sie treffen Entscheidungen, auf die es keine Richtig-oder-Falsch-Antworten gibt. Der Film lässt offen, ob es in Ordnung ist, dass ein Elternteil so schnell nach der Geburt wieder arbeiten geht und der andere komplett überfordert auf die Kinder aufpasst. Und ob die Eltern zu streng mit ihrem Sohn sind oder nicht streng genug, kann jeder Zuschauer für sich beantworten.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok