Die Leinwand leuchtet

Julian Schnabel huldigt Vincent Van Gogh in seinem Film „An der Schwelle zur Ewigkeit“, ohne dem Maler ein plumpes Denkmal zu setzen. Willem Dafoe glänzt in der Hauptrolle.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Kunst und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theater-, Operngänger und Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Kulturlebens: das Schaffen und Erleben von Kunst.

Alles ist grau in grau. Wild peitschen Äste gegen die Fenster einer Villa. Der Mistral macht aus der südfranzösischen Natur eine unwirtliche Gegend. Vincent Van Gogh taumelt in sein Zimmer, zieht seine Stiefel aus – darunter löchrige Socken –, kramt eine Leinwand, Pinsel und Farbtuben heraus und beginnt zu Malen. Knorrige Linien, die sich langsam zu einem zerknitterten Stiefelpaar formen. Ein paar Jump Cuts und das Gemälde füllt sich mit Farben – das Einzige, was in diesem tristen Raum leuchtet.

Künstler beim Malen zu sehen, kann eine zwiespältige Angelegenheit sein. Zum einen bietet der Akt des Malens wenig dramatischen Zündstoff, zum anderen droht der Maler zum Genie verklärt zu werden. Der Regisseur Julian Schnabel – selbst bildender Künstler – weiß aber auf naturalistische Weise die Stofflichkeit des pastosen Farbauftrags ins Bild zu setzen. Dabei stellt er kein Tableau Vivant wie in der Hollywood-Version von Vincente Minnelli aus den 1950ern nach, sondern adaptiert Van Goghs Ästhetik auf eigene Art. Die Handkamera von Benoît Delhomme schwenkt und stolpert durch Räume und Landschaften – immer auf der Suche nach einem geeigneten Motiv. Das Licht in seinen vielfältigsten Brechungen taucht die Spitzen der Zypressen, Gräser, Schilfrohe und die schroffen Steinformationen in ein glühendes Farbspektrum, so dass man tatsächlich an die Gemälde des Malers denkt. Die Aneinanderreihung an Eindrücken fließt in einen visuellen Bewusstseinsstrom.

Der Film „At Eternity’s Gate“ fokussiert zeitlich auf Van Goghs Spätphase in der Provence. Erst in Arles, dann in Saint-Rémy. Die Weggefährten tauchen nur am Rand auf: sein Bruder Theo, sein Freund und Kollege Paul Gauguin, der Doktor Paul Gachet, die von einem internationalen Schauspielerensemble verkörpert werden: Rupert Friend, Oscar Isaac, Mathieu Amalric. Das Zentrum des Films ist Willem Dafoe, der in Venedig als bester Schauspieler ausgezeichnet und für den Oscar nominiert worden ist. Mit seinen rotbraunen Haaren und Bart, mit seinem kantigen Gesicht und seiner faltigen Haut verschmilzt er mit der realen Figur und interpretiert sie als Außenseiter, die mit niemandem zurechtkommt. Steht bei Minnelli noch die Gauguin-Van-Gogh-Beziehung im Vordergrund, wird sie hier nur zu einer Episode, in der sich die beiden künstlerisch nicht einig werden. Am Ende will und kann sich niemand dem Genie und Wahnsinn Van Goghs stellen.

Die größte Schwäche des Films ist dabei sein Drehbuch von Jean-Claude Carrière, Julian Schnabel und seiner Frau Louise Kugelberg. Wenn Van Gogh darüber philosophiert, wie echte Tulpen verwelken, aber seine gemalten für die Ewigkeit gedacht sind, dann hört man daraus die heutige Verklärung eines Künstlers, der unbestreitbar im Museum angebetet wird. Diese Überheblichkeit wird durch die Natureindrücken abgemildert. In diesen Momenten ist Van Gogh ganz bei sich. Weg von den Menschen, weg vom Absinth, weg von der Nervenheilanstalt. Hier schmiert er die Farbe schnell auf die Leinwand, verwischt sie, bevor das Licht und die Atmosphäre sich verändern. Einmal spiegelt das Sonnenlicht sich in der flüssigen Farbschicht. Das Filmbild wechselt kurz in Schwarz-Weiß. Für einen Moment spürt man den Verlust, als ob man Van Goghs Bilder nie in Farbe gesehen hätte. Dann sind die Farben zurück. Erleichterung. Die Leinwand leuchtet wieder.

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