Täter und Opfer

Elyas MʼBarek als junger Anwalt: Marco Kreuzpaintner verfilmt Ferdinand von Schirachs Roman „Der Fall Collini“. Der Film profitiert von der starken Vorlage und einer gut strukturierten, temporeichen Auflösung.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

Eigentlich handelt es sich um eine eindeutige Sache. Fabrizio Collini (Franco Nero) bringt Hans Meyer (Manfred Zapatka) in einem Hotelzimmer mit drei Schüssen in den Kopf um und tritt ihm anschließend noch den Schädel ein. Die Beweislage ist eindeutig, und die Voraussetzungen für den jungen und noch unerfahrenen Anwalt Caspar Leinen (Elyas MʼBarek) könnten 2001 in Berlin kaum schlechter sein. Die älteren Kollegen belächeln ihn, als er zur ersten Anhörung ohne Publikum mit Robe erscheint.

In Sachen Motivation hat er den erfahrenen Amtsträgern jedoch einiges voraus. Sein Motto lautet: „Kein Fall ist aussichtslos“, und so kniet er sich mit vollem Enthusiasmus in seinen ersten großen Gerichtsprozess. Reichlich Kooperation erfährt er allerdings von seinem Mandanten nicht. Dieser schweigt. Kein Wort zu seinen Motiven. Kein Wort generell. Collini möchte nicht reden. Dass er dadurch wegen Mordes verurteilt werden und sein restliches Leben hinter Gittern verbringen könnte, scheint ihm egal zu sein. Als Leinen es irgendwann schafft, ihm doch ein paar Worte zu entlocken, antwortet Collini auf die Frage nach dem Motiv nur mit: „Ich möchte ihnen keine Probleme machen, Herr Anwalt“.

Fabrizio Collini gibt zwar äußerlich ein durchaus bedrohliches Bild ab, benimmt sich aber höflich und bescheiden. Das ungeklärte Motiv führt zu der Frage, was eigentlich hinter dem Fall Collini steckt.

Für den „Herrn Anwalt“ wird der erste große Fall zudem noch brisant, als er erfährt, wer das Opfer von Collinis Tat ist. Denn Hans Meyer, Chef einer großen Maschinenfabrik und angesehenes Mitglied der Gesellschaft, hatte für den jungen Caspar Leinen früher die Vaterrolle eingenommen, nachdem sein leiblicher Vater ihn und seine Mutter verlassen hatte. So findet Leinen sich wieder im Spannungsfeld zwischen persönlicher Erfahrung und professioneller Berufung. Elyas MʼBarek spielt den Anwalt Caspar Leinen mit großem Einsatz und viel Charme. Auch wenn es eine für ihn bisher eher ungewohnte Rolle ist, passt sie gut zu ihm, und es fällt nicht schwer, ihn als neuen Anwalt, der sich selbst und allen anderen etwas beweisen will, zu akzeptieren. Das Hin- und Hergerissensein beim Verteidigen des Mannes, der seine Vaterfigur umbrachte, ist MʼBarek vor allem zu Beginn des Films anzumerken. Je länger der Film dauert und je mehr Leinen erfährt, umso professioneller wird er und umso mehr ändert sich auch seine Sicht auf die Dinge.

Neben MʼBarek können vor allem der italienische Schauspieler Franco Nero als Fabrizio Collini und Manfred Zapatka als Hans Meyer überzeugen. Nero spielt den stets ruhigen und fast teilnahmslos wirkenden Collini, bei dem man allerdings sofort merkt, dass unter der Oberfläche einiges brodelt. Als schließlich die wahren Ereignisse aufgedeckt werden und seine emotionale Seite zum Vorschein kommt, schafft es Nero, die tief sitzende Trauer, Wut und Erlösung mit einem beeindruckenden und bewegenden Spiel auf die Leinwand zu bringen.

Manfred Zapatka zeigt in den Rückblenden einen Hans Meyer, der sich vorbildlich des jungen Caspar Leinen annahm, als der noch ein Kind war. Meyer war stets da, wenn Hilfe nötig war und diente als Forderer und Förderer: „Wenn du im Abi eine 1 vor dem Komma hast, dann kriegst du den Wagen“, spornte er Caspar an. Durch das einfühlsame Schauspiel von Zapatka versteht man, warum der Anwalt Hans Meyer so bewunderte.

Dass Meyers Enkelin Johanna (Alexandra Maria Lara) Leinens große Jugendliebe war und Richard Mattinger (Heiner Lauterbach), ein früherer Dozent von ihm, der Anwalt von Familie Meyer ist, machen Leinens Job als Verteidiger Collinis nicht einfacher. Beide versuchen ihn in seiner Arbeit zu beeinflussen, damit sein Mandant eine längere Strafe bekommt. Damit steht Leinen vor dem Dilemma: Berufsehre wahren oder es den Menschen recht machen, die ihm etwas bedeuten?

Durch intensive Recherche in Italien stößt der Anwalt schließlich auf Hinweise, die Tempo in die Gerichtsverhandlung bringen. Die Informationen gehen dabei zurück bis in die Nazi-Zeit. Durch ein Spiel mit mehreren Zeitebenen wird deutlich, dass sich Ereignisse, die schon lange zurückliegen, immer noch auf die Gegenwart auswirken können. Der dynamische Schnitt von Johannes Hubrich unterstreicht diese Thematik, und die trockene Gerichtsverhandlung erhält ein beeindruckendes Tempo und eine unglaubliche Spannung. Je mehr Informationen über die Hintergrundgeschichte offengelegt werden, umso emotionaler wird auch der Film. Der Zuschauer erfährt nach und nach, wo die Wut von Fabrizio Collini herkommt.

Hingegen konstruiert wirkt das verfremdete Verhältnis zwischen Caspar Leinen und seinem leiblichen Vater (Peter Prager). Die Vater-Sohn-Beziehung spielt vor allem auch in Bezug auf die Gerichtsverhandlung eine wichtige Rolle, bleibt aber bis zum Ende wenig ausgearbeitet und will nicht richtig hineinpassen in den Film.

„Der Fall Collini“ ist ein bewegendes und emotional packendes Gerichts-Drama, das durch die Art und Weise, wie sich die Geschichte nach und nach entfaltet, temporeich und unterhaltsam ist. Nicht alle der Nebenhandlungsstränge erfüllen den gewünschten Zweck, aber die Haupthandlung weiß den Zuschauer konstant zu fesseln. Der Regisseur Marco Kreuzpaintner weiß mit den sensiblen Themen stets gut zu jonglieren, und so ist ihm ein spannender Film über Schuld und Schuldbewusstsein, Verantwortung und Berufung, Rache und das Versagen von Politik gelungen.

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