Artisten des Lebens

Der Regisseur Tim Burton bringt in der Realverfilmung des Disney-Klassikers den kleinen Elefanten Dumbo zurück auf die Leinwand und in die Lüfte der Manege. Einiges ist ähnlich zu dem Trickfilm-Original von 1941, vieles anders. Vor allem wird deutlich mehr geflogen.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Holt Farrier (Colin Farrell) war Pferdetrainer, zusammen mit seiner Frau hat er im Medici Bros. Circus die Zuschauer begeistert. Dann kam der Erste Weltkrieg, für Holt führte der Weg an die Front.

Der Zeichentrick-„Dumbo“ aus dem Jahr 1941 spielt zur Zeit seiner Veröffentlichung, während des Zweiten Weltkriegs, auch wenn der Krieg darin kaum thematisiert wird. Der 2019er-„Dumbo“ steigt in die Handlung ein, als Holt Farrier 1919 aus dem Krieg heimkehrt. Der Krieg und seine Folgen spielen in dem Remake des Regisseurs Tim Burtons eine bedeutendere Rolle. Der Veteran hat an der Front nicht nur seinen linken Arm verloren, sondern muss bei seiner Heimkehr auch erfahren, dass seine Frau gestorben ist und der Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) die geliebten Pferde verkauft hat. Geblieben sind Holt seine Tochter Milly (Nico Parker) und sein Sohn Joe (Finley Hobbins). Immerhin bekommt er einen Job: als Elefantentrainer. Und damit auch die Aufgabe, sich um den neusten Nachwuchs mit großen Ohren zu kümmern: Dumbo.

Die großen Kulleraugen, die viel zu großen, herabhängenden Ohren: Den kleinen Elefanten schließt man genauso schnell ins Herz wie den Zeichentrick-Dumbo von 1941. Das liegt vor allem an den visuellen Effekten. Die Crew von Disney hat bei „Dumbo“ wieder auf ganzer Linie geliefert. Schon 2017 gewann mit „The Jungle Book“ eine Disney-Realverfilmung mit Tieren den Oscar für die besten visuellen Effekte. In diesem Jahr tritt „Dumbo“ in Konkurrenz mit dem Team um Visual-Effects-Supervisor Robert Legato und dem im Juli startenden „The Lion King“. Für die Effekte von Disneys erster Realverfilmung in diesem Jahr zeichnet jedoch auch ein Könner im Bereich der visuellen Effekte verantwortlich: Der dreifach Oscar-nominierte Richard Stammers („Prometheus“, „X-Men: Days of Future Past“, „The Martian“) hat hier das visuelle Ruder übernommen. Das Hauptaugenmerk liegt bei den Effekten zwar auf Dumbo, aber auch viele andere Tiere werden glaubhaft dargestellt.

Die Geschichte weicht ziemlich deutlich vom Zeichentrick-Original ab und wird zusätzlich deutlich erweitert. So endet „Dumbo“ (1941) damit, dass der kleine Elefant zum ersten Mal im Zirkus fliegt. In „Dumbo“ (2019) geschieht das schon sehr früh im Film und bildet einen wahren Gänsehautmoment, als Dumbo über die staunenden Zuschauer saust. Statt der Maus Timothy Q. Mouse sind es in Tim Burtons Version Holt Farriers Kinder Milly und Joe, die als Freunde für Dumbo da sind und ihn zum Fliegen motivieren. Ebenso wie der Elefant haben sie ihre Mutter verloren. Sie schaffen es, in der Manege das von ihnen erkannte Potential aus Dumbo herauszukitzeln. Weshalb die Maus lediglich einen einzigen Auftritt im gesamten Film hat, liegt vor allem an der großen Entscheidung, dass die Tiere diesmal nicht sprechen können.

Dass Kinder in Tim Burtons Film die Hauptakteure sind, macht in Bezug auf das Zielpublikum durchaus Sinn. Denn „Dumbo“ (2019) richtet sich zuerst an Kinder. Nur manchmal blitzt der düstere Ton eines typischen Tim-Burton-Films durch. Zum Beispiel, als Mrs. Jumbo ihren Sohn verteidigen will und beim Einstürzen des Zirkuszelts ein bösartiger Tiertrainer ums Leben kommt. Später wird der Zirkus aufgrund des großen Erfolges von V. A. Vandevere (Michael Keaton) angeworben und in dessen Freizeitpark Dreamland eingebaut. Dort gibt es auch das Gruselkabinett „Nightmare-Island” mit echten, zum Fürchten verkleideten Tieren.

Hier ist Tim Burton ganz in seinem Element, auch wenn der Gruselfaktor sich aufgrund des Zielpublikums deutlich in Grenzen hält. Auch der von Michael Keaton verkörperte Bösewicht sorgt für keine Bedrohung, bei der die Knie weich werden. Keaton spielt den klischeehaften Vandevere mit übertriebener Mimik und Gestik, was zu einem unnötigen Overacting führt, damit sich auch ja kein junger Kinozuschauer ernsthaft fürchten muss. Als Vandevere später gegen sein Versprechen das restliche Zirkuspersonal feuert, werden nicht mal die Jüngsten im Kino wirklich überrascht sein.

Tim Burton schafft es, seinem Film einen einzigartigen Look zu verpassen. Dazu tragen neben den visuellen Effekten vor allem das Kostümdesign von Colleen Atwood und das Produktionsdesign von Rick Heinrichs, beides Oscar-Gewinner, bei. Durch die bunten Kostüme und Zirkus-Sets zusammen mit der passenden Musik von Danny Elfman fällt es leicht, in die Welt einzutauchen, die Burton entwirft.

So schön die Welt drumherum auch sein mag, leidet „Dumbo“ allerdings am „Jurassic World“-Syndrom. In dem Film von 2015 wurde ein genetisch verbesserter Dinosaurier gezüchtet, weil die Besucherzahlen zurückgingen und den Menschen ein paar Jahre nach Öffnung des Parks gewöhnliche Dinosaurier nicht mehr reichten. Ein komplett unrealistisches Szenario, bedenkt man die Faszination und Anziehungskraft, die ein solcher Park auch noch Jahre nach seiner Eröffnung ausstrahlen würde. In „Dumbo“ stellt sich das Syndrom so dar, dass schon vor dem ersten Flug-Auftritt im Freizeitpark Dreamland der Leiter Vandevere seine Artistin Colette Marchant (Eva Green) auf Dumbo reiten lassen will, um den Zuschauern noch mehr zu bieten. Als der kleine Elefant zum ersten Mal über die Massen fliegt, allerdings der bemannte Elefantenflug nicht funktioniert, reagiert das Publikum unzufrieden und fordert sein Geld zurück. Ein absolut unrealistisches Szenario, bedenkt man, dass diese Menschen gerade zum ersten Mal einen Elefanten fliegen sehen.

Viele der angeschnittenen großen Themen wie Trauerverarbeitung oder Kriegstraumata werden in „Dumbo“ angesprochen, aber kaum ausgearbeitet. Der Fokus liegt darauf, füreinander da zu sein und einzutreten. Es ist ein Film über Freundschaft und Familie, ganz in Stile Disneys. Durch die gesamte Handlung ziehen sich natürlich auch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf das Original: Vorbeifliegende Störche bei Dumbos Geburt, „Baby Mine“ singendes Zirkuspersonal oder ein merkwürdiges Zitat auf die „Pink Elephants“-Szene. Es lohnt sich vor dem Kinobesuch, den Klassiker von 1941 noch mal anzuschauen.

In Bezug auf den heutigen Blick auf Tiere, die zur Attraktion der Menschen in Käfigen gehalten werden, schließt Burtons „Dumbo“ mit einer eindeutigen Moral ab: Der Medici Bros. Circus hält ab sofort keine Tiere mehr in Käfigen, die Attraktionen sind nun die Menschen. „Dumbo“ wird damit zu einem Zirkusfilm, der sich gegen einen Zirkus mit Tieren richtet.

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