Liebe in Zeiten der Aversion

Mit seinem neuen Film „If Beale Street Could Talk“ ist Barry Jenkins nach „Moonlight“ ein weiteres Meisterwerk gelungen. Eine Liebesgeschichte in Zeiten sozialer Feindseligkeit mit Regina King in einer Nebenrolle, die ihr den Oscar eingebracht hat.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Mit seinem neuen Film „If Beale Street Could Talk“ ist Barry Jenkins nach „Moonlight“ ein weiteres Meisterwerk gelungen. Eine Liebesgeschichte in Zeiten sozialer Feindseligkeit mit Regina King in einer Nebenrolle, die ihr den Oscar eingebracht hat.

Wie in einem Bilderbuch spazieren Tish und Fonny durch Brooklyn. Die Herbstblätter sind gelblich, die Backsteingebäude rötlich gefärbt. Noch weiß das Paar nicht, dass es später durch eine Glasscheibe im Gefängnis getrennt sein wird. Der Afro-Amerikaner Fonny wird von einer Puerto-Ricanerin fälschlicherweise angeklagt, sie vergewaltigt zu haben. Ein weißer Polizist, der Fonny seit einer anderen Konfrontation misstraut, nimmt ihn fest. Durch die Glasscheibe teilt Tish ihrem Freund von ihrer Schwangerschaft mit. Ein schöner wie trauriger Moment. Nach anfänglichem Zögern lacht er, dann sie. In dem Lachen ist die Vorfreude der baldigen Eltern heraus zu hören, aber auch das Unglück einer getrennten Familie.

Der Regisseur und Drehbuchautor Barry Jenkins stellt nach seinem Oscar-Gewinn für Moonlight mit seinem neuen Film „If Beale Street Could Talk“ ein weiteres Mal eine Liebe in den Mittelpunkt, die damit kämpft, ihre Unschuld in einer feindlichen Umgebung zu bewahren. Jenkins greift dabei auf den gleichnamigen Roman von James Baldwin aus dem Jahr 1973 zurück. Feindlich ist zu einem die Gewalt zwischen rassistischen Polizisten und unschuldigen Zivilisten. Zum anderen die Gewalt in den Familien. Fonnys strenggläubige Mutter und seine Schwestern stellen sich sofort, nachdem sie von Tishs Schwangerschaft erfahren haben, gegen die Schwiegertochter und das uneheliche Kind. Der Konflikt bleibt ungelöst. Das Paar auf sich gestellt.

Der Film wechselt zwischen den Zeitebenen vor und nach Fonnys Verhaftung. Es ist, als ob die Reinheit des Paars in Ketten der dunklen Zukunft gefangen gehalten wird. Tish und Fonny kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Sie sind Seelenverwandte. Selbst die Lust und die erste Erfahrung mit dem Körper des anderen geschieht mit einer Behutsamkeit, um ja nicht die Zerbrechlichkeit ihrer Verbindung zu gefährden.

„If Beale Street Could Talk“ befindet sich von den ersten Minuten an in einem Schwebezustand zwischen dieser innigen Nähe und einer äußeren Entfremdung. Während Tish und Fonny sich öffnen können, bleiben Freunde, Verwandte, Anwälte auf Distanz. Und doch ist Regina King charmant präsent in der Rolle von Tishs Mutter – dafür hat sie den Oscar als beste Nebendarstellerin bekommen.

In einer Szene versucht Fonnys Freund von seinen Erfahrungen im Gefängnis zu erzählen, schafft es aber nicht. Er findet keine konkreten Worte und keine konkreten Bilder für sein persönliches und ein kollektives afro-amerikanisches Trauma, das nur als Echo durch die bedrohlichen Saxophonklänge zu vernehmen ist. Die feinfühlige Kameraführung von James Laxton fängt die Gesichter häufig frontal und in farbigen Lichtreflexionen ein. Der Komponist Nicholas Britell findet für jede Szene die passenden Töne und einprägsamen Melodien, egal ob es sich um langsame Klavierpassagen, nervöse Streicherstücke oder ein zartes Glockenspiel handelt. Die Musik wankt genauso zwischen den Gefühlen der Bedrohung und der Geborgenheit.

Stephan James als Fonny wirkt trotz seines muskulösen Körpers zart und Kiki Layne als Tish zwar verletzlich, aber selbstbewusst. Wie sie Fonny und den Vermieter dirigiert, unsichtbare Möbel in ihrer neuen „Wohnung“ – einer heruntergekommenen Lagerhalle – zu platzieren, zeigt die Verspieltheit eines Paars, das aus dem Schlechtesten immer noch das Schönste zaubern kann.

Kinostart in Deutschland: 7. März

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