Kampfgeist

Panorama-Sektion der Berlinale: Die Künstlerin Prune Nourry erzählt in ihrem Film „Serendipity“ von sich in einer schwierigen Zeit. Das ist spannend, einfühlsam und mitunter sogar witzig.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Maresa Sedlmeir

aufgewachsen im Fünfseenland, Studium der Amerikanistik und Theaterwissenschaft an der LMU. Seit dem 9. Lebensjahr im Synchronstudio gefangen, spricht u.a. bei Game of Thrones, Good Girls, Miracle Workers sowie div. Hörspiele und Werbung. Weitergequatscht bei M94.5 als Moderatorin und Redakteurin für Kulturthemen. Seit 2018 Studentin der Theater-Film und Fernsehkritik an der HFF München/August Everding Theaterakademie, wo sie im Juni 2019 das Theaterfestival UWE mitkuratiert und ausrichtet.

Ein Krankenbett. Murmelnde Stimmen, französisch. Es sind keine Gesichter zu sehen. Die Bettdecke, deren Blickwinkel der Zuschauer einnimmt, hebt und senkt sich. Ein Aufzug, das Bett wird reingeschoben. Von wem? Unwichtig. Es geht hier um die Bettdecke, genauer: Um den Menschen unter der Bettdecke.

Die Künstlerin Prune Nourry ist Brustkrebsüberlebende. In ihrem ersten Film „Serendipity“ verarbeitet sie ihre Krankheit. Im Jahr 2016, mit 31 Jahren, wird bei Prune der Brustkrebs festgestellt. Ein Wendepunkt, wie sie im Film sagt. Ihre Kunst hat sich mit ihrer Krankheit verändert: Sie ist sich selbst nähergekommen. Das klingt zwar abgedroschen, aber diesem Film und dieser Frau kauft man das ab, genauso Sätze wie: „The essential as cheesy as it sounds is love and health and art.“

Denn „Serendipity“, was auf Deutsch so viel wie „Entdeckung“ oder „glücklicher Zufall“ bedeutet, ist viel mehr als eine Abrechnung mit einer Krankheit oder ein Film über Kunst. Er ist eine Performance, ein Musikvideo, ein eigenes Kunstwerk und ein Tagebuch. Dieser Facettenreichtum macht diesen Dokumentarfilm so stark und besonders. „Serendipity“ ist lehrreich, ohne den Zeigefinger zu erheben. Lustig, ohne Witze zu machen. Einfühlsam, ohne kitschig zu sein.

Vor allem aber ist er ein Film, der Mut macht. Eine von acht Frauen erkrankt im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs – Prune Nourry ist eine von ihnen, und sie hat diesen Film nicht nur zur Selbstheilung gemacht, sondern um zu zeigen, wie sie mit dieser Krankheit umgegangen ist. Wie sie sie verändert hat – dieser Kampfgeist gibt tatsächlich Kraft. Egal, ob man wirklich schwer krank ist oder gerade eine schwierige Zeit durchmacht.

Prune Nourry lässt das Publikum an ihrer Leidenszeit ebenso teilhaben wie an ihren Projekten: Die „Imbalance“-Serie zum Beispiel. Dazu gehört ein überdimensionaler Frauenkopf, den sie selbst herstellt und mit ebenso überdimensionalen roten Räucherstäbchen bestückt. Ein Verweis auf die heilende Kraft der Akupunktur, die Prune Nourry erfahren hatte.

„Serendipity“ zu einem persönlichen Film zu machen, hat sich offenbar erst im Lauf der Zeit ergeben. Ursprünglich hatte Prune Nourry geplant, einen Film über ihr Projekt „Terracotta Daughters“ zu drehen. Weil dieses Projekt aber noch bis 2030 läuft, überzeugte sie ihr guter Freund und Produzent Alastair Siddons, eine Dokumentation über sich selbst zu machen.

Das Ergebnis ist intensiv – Siddons hat im Schnitt jede Szene perfekt choreografiert und mit der Musik eines kürzlich verstorbenen Freundes unterlegt. Die 70 Minuten wirken so wie ein spannendes, persönliches Musikvideo. Voller Tanz, Freude und Leben.

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