Selfie mit einer AK-47

In „La Paranza dei Bambini“ lässt Claudio Giovannesi Jugendliche in ihrem Wunsch nach Geld und Anerkennung zu einem mächtigen Drogenclan aufsteigen. Der Film läuft im Wettbewerb der Berlinale und bringt Maurizio Braucci, Claudio Giovannesi und Roberto Saviano den Silbernen Bären für das beste Drehbuch ein.

Von Tobias Obermeier

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Von Tobias Obermeier

Die Galleria Umberto I, benannt nach dem gleichnamigen italienischen König, ist eine monumentale Einkaufspassage in der Altstadt Neapels. 1891 fertiggestellt, besteht sie aus zwei sich kreuzenden Armen. Überdacht wird sie von einem riesigen Glasdach. In der Kreuzgabelung steht ein großer Christbaum mit einer bunten Lichterkette. Eine Horde Jugendlicher durchquert die Halle, verjagt eine rivalisierende Gang und wirft den Baum gekonnt in wenigen Handgriffen um. Am Ende stehen sie oberkörperfrei, mit Schmieröl bemalt um ein lichterloh brennendes Feuer und skandieren feierwütig ihre Parolen.

Claudio Giovannesi setzt in seinem Film „La Paranza dei Bambini“, der auf der Berlinale im Wettbewerb läuft, gleich zu Beginn ein Zeichen für das Wesen seiner Protagonisten. Sie sind jung, gewaltbereit und unbeirrbar in ihrem Tun. Im Zentrum der Geschichte steht der fünfzehnjährige Nicola mit seinen Freunden. Auf ihren Rollern durchkreuzen sie die engen Gassen Neapels, stellen Frauen nach und wollen das große Geld machen, um sich teure Markenklamotten kaufen zu können und Frauen zu imponieren. Als sie sich gegen den örtliche Mafia-Clan und seine Schutzgelderpressungen wehren, geraten sie hinein in einen Strudel aus Gewalt, Drogen und Geld, aus dem sie sich in ihrer juvenilen Unschuld nicht mehr lösen können.

Das Drehbuch schrieb Roberto Saviano, der auch die Buchvorlage verfasste und mit seinem dokumentarischen Roman „Gomorrha“ über die Machenschaften der neapolitanischen Unterwelt 2006 einen Welterfolg erzielte. Das Dokumentarische findet in „La Paranza dei Bambini“ jedoch keinen Ausdruck. Ebensowenig handelt es sich um eine sozialrealistische Herangehensweise. Die Gewalt, der Schrecken des Mordens, mit denen die Jugendlichen konfrontiert sind, wird in einer stilistischen Überhöhung gezeigt, ohne jedoch auf eine gesellschaftspolitische Bewertung zu verzichten. Die Perspektive ist die der verantwortungslosen Jugendlichen, die mit einem Bein im Kindesalter stecken, und mit dem anderen im Morast der mafiösen Unterwelt.

Um den verfeindeten Clan bekämpfen zu können, stattet der unter Hausarrest gestellte Don Vittorio die Jugendbande mit einer Unzahl an Maschinengewehren aus. Für Schießübungen treffen sie sich auf einem Dach. Während ein knallendes Feuerwerk am Himmel vom Lärmen des Gewehrfeuers ablenken soll, schießen sie aufgereiht in einer Linie auf gegenüberliegende Satellitenschüsseln. Die Funken der gezündeten Patronen erhellen die entschlossenen Gesichter der Jugendlichen.

Claudio Giovannesi zeigt in seinem Drama die organisierte Kriminalität in ihrer Transformation. Das alte Reich der Camorra, aufgeteilt in Familienclans, ist zerbrochen. Ein früherer Clanchef ist bereits tot, ein anderer sitzt unter Hausarrest gestellt den ganzen Tag vor dem Fernseher, dem letzten verbleibenden ist die Polizei dicht auf den Fersen. Dieses Machtvakuum besetzen die Jugendlichen in ihrem Streben nach Macht und Geld. Warum einer geregelten Arbeit nachgehen, wenn der Drogenhandel vor der Universität im Nichts Bündel um Bündel an Geldscheinen einbringt. Dabei haben sie den Geist des gegenwärtigen Kapitalismus gänzlich verinnerlicht. Wer sich einen Namen machen will, muss sein Leben auf Social Media festhalten. Da darf das Selfie mit einer AK-47 nicht fehlen. Und wer noch nie mit einem Maschinengewehr geschossen hat, schaut sich passende Tutorials auf Youtube an. Der Höhepunkt des Verlangens dieser Jungs findet sich in der privaten Loge eines Nachtclubs, in der sie thronend über dem Rest der Gäste mit Champagner ihren Erfolg begießen. Ihr Kopf ist beseelt von der Gier nach Konsum und Geld.

Der erste Mord durch Nicola geschieht schließlich beiläufig und aus dem Nichts heraus. Er ist die Notwendigkeit seines verinnerlichten Beschützer-Daseins. Seiner unter ärmlichen Bedingungen lebende Mutter kauft er exklusive Möbel für mehrere Tausend Euro und dem Fußballteam seines kleinen Bruders schenkt er neue Trikots. Er möchte der barmherzige Patron der kleinen Leute sein. Der Mord ist die Notwendigkeit dafür. Die Konsequenzen, die er dafür zu tragen hat, der psychische Ausnahmezustand, spielen dabei keine Rolle. Die Laiendarsteller in ihrem neapolitanischen Dialekt spielen überragend gut. Allen voran Francesco Di Napoli als Nicola. In seinen tiefen, dunklen Augenhöhlen zeigt sich die stoische und unerschütterliche Ausdauer eines jungen Menschen, dessen grausame Zukunft im Zeichen der Kriminalität gerade erst begonnen hat.

Trotz der gewaltimmanenten Thematik bleibt die Inszenierung sehr brav und zurückhaltend. Die Gewalt ist allgegenwärtig, wird aber immer nur vage als lebensbedrohlich gezeigt. Sie ist mehr der oberflächliche Schein aus Maschinengewehrsalven und Schlägereien als eine existentielle und traumatische Erfahrung.

Wenn die Jugendlichen am Ende einer drogengeschwängerten Party mit dem Kopf im Schoß von Prostituierten liegen, dann offenbart sich all der Irrsinn. Inmitten einer Welt aus Gewalt, Drogen und Sterben sind Kinder gefangen, die letztendlich nichts anderes benötigen als Zuneigung und Zärtlichkeit.

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