Die Ästhetik des Ekels

Fatih Akin hat Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ verfilmt, die Geschichte des Hamburger Serienmörder Fritz Honka. Im Wettbewerb der Berlinale besticht das Drama durch seine seltsam gelungene Stilistik – und den Hauptdarsteller Jonas Dassler.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Jonas Dassler. Diesen Namen sollte man sich merken. Der 23-jährige ist Berlins Shootingstar der Stunde. Vor einem Jahr hat er seine Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch abgeschlossen und wurde direkt am Maxim-Gorki-Theater in Berlin engagiert. Und auch auf der Berlinale sprechen alle über ihn. Er ist der Hauptdarsteller in Fatih Akins „Der goldene Handschuh“, der im Wettbewerb der Berlinale läuft. In dem Film hat er gar nichts mehr von dem hübschen Kerl mit blaugrünen Augen, der er ist: Er spielt den Frauenmörder Fritz Honka, der in seiner Hamburger Wohnung deutlich ältere Frauen zerstückelt. 

Mit einer solchen Szene steigt Fatih Akin in seinen Film ein: Honka sägt seinem ersten Opfer den Kopf ab. Das ist zwar nicht zu sehen, aber zu hören. Die Leiche liegt auf einem blauen Müllsack, es ratscht und knackt, das Blut fließt den Boden entlang. Wie um den Ekel und das Entsetzen zu überhöhen, rauscht ein Schlager aus dem Plattenspieler. Böser Zynismus. Genau wie Honka die Leichenteile verpackt, hüllt Fatih Akin die brutalen Morde in eine seltsam gelungene Stilistik. Fatih Akin wollte einen Horrorfilm machen und der ist ihm geglückt. 

Im Gegensatz zu Heinz Strunks Romanvorlage aus dem Jahr 2016 verfolgt Akin vor allem den Mörder Fritz Honka – und lässt die Nebenfiguren, die auch aus anderen sozialen Schichten kommen, fast ganz weg. Diese Figuren sind keine Mörder wie Honka, und sie haben auch nichts mit ihm zu tun. Das einzige, was sie zusammenbringt, sind die Besuche in der Kneipe „Zum goldenen Handschuh“. Nur noch den Teenager (Tristan Göbel) lässt Fatih Akin dort einen Spezi trinken.

 „Zum goldenen Handschuh“ ist eine Kneipe auf der Hamburger Reeperhahn, der Ort, den man in Bayern eine „Boazn“ nennt und der Honka mit seinen Opfern zusammenführt. Der Serienmörder, der bis 1998 gelebt hat – die letzten Jahre sogar wieder in Freiheit –, war hier Stammgast, seit der Aufklärung der Morde in den 1970er-Jahren wird die Kneipe auch „Honka-Stube“ genannt.

Im Film hängt in der guten Stube Rauch in der Luft, man spürt, wie sich der Geruch nach Schweiß, Urin und Schnaps an die senfgelben Vorhänge schmiegt. Jonas Dassler als Honka trinkt hier seinen Fanta-Korn und rutscht mit den schon wundgescheuerten Armen über den speckigen Tresen. Er trinkt und säuft und schüttet und bechert. Nuschelt in sächsischem Akzent alle potentiellen Bettbekanntschaften an. Vergeblich. „Den würdʼ ich nicht mal anpissen, wenn er brennt“, gackert Rum-Cola-Uschi durch den Raum.

Honka sieht auch wirklich widerwärtig aus: fettige Haare, überquellende Poren, Säufernase. Das Maskenbild hat ganze Arbeit geleistet. Man würde nie auf die Idee kommen, dass hier ein 23-jähriger, fitter junger Typ unter der Maske sächselt. Was auch mit Jonas Dasslers Spiel zusammenhängt: Seltsam verrenkt schlurft er durch Hamburgs Straßen. Und ganz kurz, als er einen Entzug versucht, hat man Mitleid mit Honka. Als er einen neuen Job als Nachtwächter anfängt und dem Alkohol abschwört. Aber dann erinnert man sich an die Morde und die Widerwärtigkeit – weil „Fiete“ es nüchtern sowieso nicht lange aushält. 

Am besoffensten ist er, wenn er die Frauen mit nach Hause nimmt – ebenfalls ganz grauenhafte, aber bemitleidenswerte Figürchen, die da in Honkas Wohnzimmer vor der mit Pornobildchen beklebten schimmeligen Wand zwischen lauter Puppen hocken. Die Wohnung im Hamburger Viertel Eimsbüttel wurde exakt nachgebaut, wie man an Originalfotos im Abspann erkennen kann. Honka zwingt die Frauen zum Sex, wütet, weil er keinen hochkriegt, rennt durch seine Wohnung, benutzt Knackwürste und Kochlöffel als Penisersatz.

Diese Vergewaltigungen und Misshandlungen werden in einer einzigen Einstellung gezeigt, schräg von unten guckt die Kamera in Honkas Schlafzimmer. Wie ein ungebetener Gast. Das Ekelgefühl steigt ins Unermessliche, wenn Honka die Leichenteile in einen Schacht seiner Wohnung einbaut. Und einen Wald aus Duftbäumen aufhängt, um den Geruch zu überdecken. Doch das funktioniert nicht, weder bei Honkas Nachbarn noch beim Zuschauer. Am Ende bleibt nur der Ekel.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok