Vom Streben nach Macht

Der Regisseur, Autor und Produzent Adam McKay zeigt in seinem Film „Vice - Der zweite Mann“ den Weg des republikanischen Politikers Dick Cheney hin zum vielleicht mächtigsten Vizepräsidenten der US-amerikanischen Geschichte. Kurz vor dem Deutschland-Start läuft das Drama außer Konkurrenz im Wettbewerb der Berlinale.

Von Kevin Scheerschmidt

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Kevin Scheerschmidt

Dick Cheney (Christian Bale) befindet sich mit anderen Politikern in einem Restaurant. Ein Kellner kommt zum Tisch und stellt die Speisekarte vor. Er nennt aber keine Speisen, sondern zwielichtige Gesetze zur Machterweiterung und das später durch Folter zu unrühmlicher Bekanntheit gelangte Gefangenenlager in Guantanamo Bay als Bestelloptionen. Schnell versteht man, dass es sich hier nicht um eine realistische Szene in einem Restaurant handelt. Der Kellner ist dazu da vorzustellen, welche zweifelhaften Entscheidungen von Cheney ausgingen. Natürlich bestellt der Vice-President alles Zwielichtige, das auf der Karte zu finden ist. Auf diese Weise wird Dick Cheney im gesamten Film inszeniert. Er wählt immer den Weg mit dem größtmöglichen Potential, unabhängig davon, wie umstritten dieser Weg sein mag.

„Vice“ ist eine Biografie über Dick Cheney, die keinen Wert darauf legt, alles besonders nah an den wahren Begebenheiten zu erzählen. In den Film sind Szenen eingebaut, die dazu dienen, den Charakter von Cheney zu beleuchten, die allerdings niemals so stattgefunden haben können. In Adam McKays Filmen ist nicht alles logisch und realistisch, sondern zweckdienlich. In „The Big Short“ (2015) erklärte Margot Robbie als Margot Robbie in einem Schaumbad sitzend, komplett losgelöst von der Handlung des Films, den Hypothekenanleihen-Markt. Auf Realismus hinterfragen darf man solche Szenen nicht. Aber das ist auch von McKay gar nicht so gewollt.

Durch „Vice“ führt ein innerfilmischer Erzähler. Jesse Plemons spielt den mysteriösen Kurt, der immer wieder selbst auftritt, aber keine gemeinsamen Szenen mit Dick Cheney hat. Kurt teilt dem Zuschauer früh im Film mit, dass dieser sich noch gedulden müsse, bis erklärt wird, wie er mit Dick Cheney zusammenhängt. Plemons spricht dabei direkt in die Kamera und liefert dem Zuschauer Informationen über Cheney. Woher er die Infos hat, bleibt ein filmisches Geheimnis. Das Warten auf die Auflösung über den Erzähler Kurt zahlt sich allerdings aus. Adam McKay legt falsche Spuren, verwirrt den Zuschauer und überrascht am Ende komplett.

Der 50-jährige Oscargewinner führt in seinem neusten Film den Stil fort, den er in „The Big Short“ perfektioniert hat. Er friert das Bild ein, lässt den Erzähler im Voice Over erklären, setzt ungewöhnliche Kamerapositionen ein, darunter extreme Nahaufnahmen, und benutzt eine nicht lineare Erzählweise. Deshalb fühlt sich die Cheney-Biografie an einigen Stellen ganz ähnlich an wie sein Finanzkrisen-Film von 2015. Ein großer Unterschied: „Vice“ ist deutlich unkomplizierter und einfacher zu verstehen, was der Thematik geschuldet ist.

Der Film erzählt Dick Cheneys Weg vom jungen Arbeiter, der Stromleitungen aufstellt, sich regelmäßig bis zum Umfallen betrinkt und ohne Zukunftsperspektive dasteht, bis hin zu George W. Bushs Vizepräsidenten, der so viel Macht besitzt, dass der Präsident eigentlich nur seine Marionette ist. Als große Motivation werden seine Frau und die zwei gemeinsamen Töchter angeführt, die er zu verlieren droht, wenn er nichts aus sich macht. Amy Adams spielt Lynne Cheney und schafft es gemeinsam mit Christian Bale, eine glaubhafte Familiendynamik entstehen zu lassen. Sie ist die Ehefrau, die ihren Mann unterstützt in seinem Streben nach Macht, aber selbst auch einiges zu bieten hat.

Christian Bale machte für die Rolle wieder einmal eine unglaubliche körperliche Transformation durch, nahm nach eigenen Angaben 20 Kilogramm zu. Das Make-Up perfektioniert das äußerlich Bild, sodass man sich fragt, wo Christan Bale aufhört und Dick Cheney beginnt. Es ist ein fließender Übergang. Unter den zusätzlichen Kilos und dem ganzen Make-Up zeichnet Bale durch seine Darstellung ein unvergleichliches Bild eines arroganten, machtbesessenen, rücksichtslosen Politikers.

Auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt. Steve Carell kann als Cheneys Mentor Donald Rumsfeld sein gesamtes komödiantisches Talent auffahren und ist abstoßend und unterhaltsam zugleich. Sam Rockwell spielt einen dümmlichen George W. Bush, der nur durch seinen Namen und gute Berater ins Weiße Haus stolpert.

Die Figuren sind gut gespielt, allerdings auch sehr eindimensional. Hier zeigt sich der politische Blick des Films. „Vice“ ist ein liberaler Film, der sich gegen den republikanischen Konservatismus positioniert. Das überrascht kaum, da der Regisseur Adam McKay Unterstützer der demokratischen Partei ist. Er inszeniert Cheney als das pure Böse. Als derjenige, der an allem Schuld sei. Seine Idee war die Invasion in den Irak, schon während der 9/11-Anschläge habe er diese geplant und mit seinem Anwalt gesprochen, er habe Folter legal gemacht, er trage Schuld an ISIS, ihm wird eine Mitschuld am Klimawandel zugeschrieben – und am Ende des Films wird er als absolut reuelos dargestellt. Es ist kaum überraschend, dass Christian Bale beim Gewinn des Golden Globes für seine Darstellung des Dick Cheney in seiner Dankesrede Satan als Inspirationsquelle dankte. Ein zugespitztes Bild wird vermittelt, Ambivalenz ist kaum zu finden. Daraus entsteht ein einseitiger, kritischer Film, der auf höchstem Niveau zu unterhalten weiß.

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