Unerwiderter Glaube

Gabriel Mascaro denkt zehn Jahre weiter und entwirft ein futuristisches Spiegelbild des aktuellen, immer stärker evangelikal geprägten Brasiliens. Sein Film „Divino Amor“ läuft in der Sektion Panorama der Berlinale.

Von Tobias Obermeier

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Von Tobias Obermeier

Joana und ihr Mann Danielo versuchen alles. Sie möchten ein Kind bekommen. Er lässt seine Hoden in einer klapprigen Apparatur, die einem Hometrainer gleich kommt, kopfüber mit Infrarot bestrahlen, sie betet unaufhörlich zu Gott. Unzähligen Sex haben sie natürlich auch. Und in der evangelikalen Sekte Divino Amor therapieren sie vor der Trennung stehende Paare in ritualisierten Sexualakten, Taufzeremonien und Gesprächskreisen. Doch nichts erfüllt den erhofften Kinderwunsch, das göttliche Zeichen bleibt aus.

Gabriel Mascaros „Divino Amor“, der in der Sektion Panorama der Berlinale läuft, entwirft ein Bild von Brasilien im Jahr 2027. Die evangelikale Christuslehre ist der alles bestimmende Faktor im Alltag der Protagonisten, biopolitische Kontrollmaßnahmen wie die genetische Registrierung im Notariat erfassen den Menschen im sich säkular gebenden Bürokratiestaat. Der ansonsten mit wenigen Science-Fiction-Elementen arbeitende Film ist weniger eine Anklageschrift gegen den conservative turn in Brasilien, als vielmehr eine allegorische Annäherung an die Lebensrealitäten von Millionen von Evangelikalen, die mittlerweile mehr als ein Viertel der Bevölkerung ausmachen.

Eine Kinderstimme erzählt kurz von den gesellschaftlichen Veränderungen. Der Karneval in Rio de Janeiro als wichtigstes Ereignis im Jahr wurde abgelöst von riesigen Rave-Partys mit abertausenden Gläubigen, die zu elektronischer Musik tanzen. Gleich einer popkulturellen Erscheinung hat sich der Evangelikalismus in das Private der Menschen geschlichen. Nähere Informationen zu dieser Entwicklung werden nicht gegeben. Joana und Danilo leben ihren Glauben als natürliche Gegebenheit aus. Sie arbeitet als Sachbearbeiterin für Scheidungsfälle im Notariat, wo sie trennungswillige Paare für Divino Amor gewinnt, er ist Florist und bastelt Trauerkränze im Garten ihres Hauses. Die ausbleibende Schwangerschaft bedrückt das Paar immer mehr. Doch dann vermeldet ein Ganzkörperscanner, wie sie an jedem Eingang stehen, dass Joana schwanger ist. Gentests in ihrer Arbeit lassen keinen Rückschluss auf die Vaterschaft zu.

Der Glaube wird niemals in Zweifel gezogen, er ist eine Konstante im Leben der Figuren. Das zeigt sich vor allem in Dira Paes Schauspiel, die Joana gleichbleibend, aber nicht flach in ihren Überzeugungen verkörpert. Es wäre zu leicht, sie im Setting einer dystopischen Zukunft in psychische Probleme manövrieren zu lassen, um mit dem Zeigefinger die Gefahr ihres Glaubens anzuprangern. Es ist ein Anerkennen der strukturgebenden und selbsterfüllenden Macht von Religion im Leben der Menschen. Und dennoch kann der Film als Kommentar zu den gesellschaftlichen Entwicklungen Brasiliens gesehen werden. Die als Zwischenspiel eingebauten Raves in schimmerndem Blauton wirken wie Massenveranstaltungen, gedacht für die Gehirnwäsche der Bevölkerung, wenn hinter dem DJ-Pult in großen Lettern „God Fulfills Me“ steht und die tobende Menge zur Musik tanzt. An anderer Stelle zeigt sich die Allgegenwärtigkeit des evangelikalen Glaubens. Joana fährt mit dem Auto mehrmals in eine Art Drive-In-Beichtbude, in der ein Priester auf Kundschaft wartet. Absurde Momente, die angesichts der Wahl des evangelikalen Rechtsextremisten Jair Messias Bolsonaro zum Präsidenten für großes Unbehagen sorgen.

Das Production Design von Thales Junqueira orientiert sich in „Divino Amor“ ganz am derzeitigen Trend der Retro-Ästhetik. Das Innere der Sekte ist beleuchtet mit fluoreszierenden Neonfarben in Blau, Gelb und Orange – ein starker Kontrast zum kalt-grauen Bürokomplex, in dem Joana arbeitet. Wummernde Synthie-Sounds begleiten die freudlose und zunehmend angespannte Situation des Paares. In Zusammenarbeit mit dem Kameramann Diego Garcia zeigt sich hier Gabriel Mascaros ursprüngliche Arbeit als Visual Artist. Vor allem in den Szenen in der Sekte, wenn Joana und Danielo (Julio Machado) mit einem anderen Paar Sex haben, geht der Film über in eine hochstilisierte, tranceartige Ästhetik. Die rigide Sexualpolitik der Kirche wird dabei wunderbar karikiert: Partnertausch und Lustbefreiung für die Rettung der Ehe und die Unterwerfung vor Gott.

Gabriel Mascaro zeigt in seinem Film ein verschärftes Spiegelbild einer Gesellschaft, die auf besten Wege ist, nach mehr als zwanzig Jahren Militärdiktatur und einem dreißigjährigen demokratischen Intermezzo in ein neues dunkles Zeitalter einzutreten. In seiner zurückhaltenden und allegorischen Erzählweise kann „Divino Amor“ als erster Vorbote für ein neues Protestkino gesehen werden, das sich wehrt gegen die radikale Wende nach Rechts in der brasilianischen Gesellschaft.

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