Der falsche Held

Den Bayerischen Filmpreis hat Marcus H. Rosenmüllers „Trautmann“ bereits gewonnen. Für den Deutschen Filmpreis ist er nominiert – und deshalb bei der Berlinale zu sehen im Reigen der Lola-Kandidaten.

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Von Maresa Sedlmeir

Der Torwart klopft die Außenpfosten ab. Erst links, dann rechts. Vor jedem Spiel ist das sein „Signature Move“. Der Torwart heißt Bert Trautmann. Trautmann ist Deutscher, 508 Spiele hat er zwischen 1949 und 1964 für Manchester City bestritten. Nach der Kriegsgefangenschaft in England kehrte er nicht mehr in seine Heimatstadt Bremen zurück. Er blieb in Großbritannien und wurde Fußballprofi. Als erster nichtenglischsprachiger Spieler überhaupt wurde er zum besten Spieler der Liga gewählt – doch „Traut the Kraut“ hatte Gegner, nicht nur auf dem Fußballplatz.

Der Regisseur Markus H. Rosenmüller hat sich Trautmanns Geschichte angenommen. „Die Idee dazu gab es schon vor zehn Jahren“, sagt Rosenmüller auf der Berlinale. Jetzt hechtet „Trautmann“ über die Leinwand und David Kross dem Ball hinterher. Der übernimmt die Hauptrolle in der deutsch-britischen Koproduktion.

Kross spielt einen introvertierten und verschmitzten jungen Torwart. In einem Arbeitslager wird er von dem Trainer des Fußballclubs St.Helens Town, Jack Friar, beim Spielen beobachtet – kurzerhand ersetzt der seinen eher untalentierten Torwart durch Trautmann, den Nazi. Dem schärft Friar ein, bloß nicht zu reden. Er legt ihm einen Verband um den Hals – John Henshaw spielt Jack Friar als einen herrlich aufbrausenden, grantelnden Gegenpart zum ruhigen Trautmann. Der macht seinem Trainer das Vorhaben gleich wieder zunichte. „Was soll der Verband?“, fragen die Spieler. Trautmann erklärt mit starkem deutschen Akzent: „Ei häf a littl cold!“  – mit dem verschmitzten, breiten Grinsen.

Der zarte Humor ist das, was „Trautmann“ vor allem in der ersten Hälfte auszeichnet. Die kleinen Neckereien, das Spielerische, das Witzige. Zu Beginn ist der Film ein Feel-Good-Movie, gespickt mit britischem Sarkasmus. Heimlicher Star des Films: die freche, rothaarige Tochter von Jack Friar, die kleine Schwester der schönen Margaret, gespielt von Freya Mavor. Trautmann bekommt Margaret irgendwann zur Frau – das ist vorhersehbar, aber toll erzählt.

Rosenmüller nimmt sich viel Zeit für die Entwicklung dieser Liebesgeschichte zwischen Trautmann und Margaret, deren Annäherung sich vor allem in dem kleinen Laden der Friars abspielt. Das Geschäft liegt in einem wunderschönen Innenhof und ist mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Die Handtücher stauben und die Blicke kreuzen sich. Margaret kämpft gegen ihre Gefühle gegenüber Trautmann an – erklärt ihm, dass sie wegen des Kriegs, wegen ihm, keine Jugend gehabt habe. Worauf Bert, oder „Börrt“, wie ihn alle nennen, antwortet: „Ich hätte lieber mit dir getanzt anstatt auf dem Schlachtfeld zu stehen.“ Eine schöne, manchmal kitschige Liebesgeschichte, die so viel Raum einnimmt, dass vieles andere untergeht.

Der Fußball ist ein netter Nebencharakter und auch Trautmanns Nazi-Vergangenheit sowie seine Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft werden eher beiläufig angesprochen. Dabei ist Bert Trautmann das Symbol der deutsch-englischen Annäherung nach dem Krieg. Der Torwart hat enorm dazu beigetragen, die Beziehungen zwischen den beiden Ländern zu verbessern. Das kommt in Rosenmüllers Film zu kurz – genau wie Trautmanns Nazivergangenheit. Ein paar eindringliche Worte von Trautmanns Frau Margaret – und alle Vorurteile scheinen vergessen. Dabei liegt darin doch das Faszinosum dieser Geschichte: Wie ein Feind zum Volkshelden werden kann.

Der Film hätte eine wunderschöne Liebesgeschichte sein können – und würde als fiktive Geschichte wunderbar ohne die Trautmannsche Biografie funktionieren, die Markus H. Rosenmüller für seine eigenen Zwecke ausnutzt. Und auf krude Weise übererklärt.

Es ist ein grundsätzliches Problem des deutschen Films, alles klären und erklären zu wollen – jedes Detail spielt eine Rolle und wird aufgelöst. Auch „Trautmann“ ist wie der gutmütige Grundschullehrer, der will, dass es auch noch der letzte Schüler versteht. Genau das nimmt dem Film aber den Zauber, den er in der ersten Hälfte aufgebaut hat. Es ist doch so: Nicht alle Konflikte lassen sich lösen, nicht alle Widerstände sich überwinden. In einer Szene im Film zeigt sich das besonders deutlich. Trautmanns ehemaliger Aufseher aus der Kriegsgefangenschaft –  Smythe, gespielt von Harry Delling – erzählt ihm von seiner Familie, die während des Krieges ums Leben gekommen ist – um sein Verhalten zu rechtfertigen? Genauso wird Berts Verhalten im Krieg küchenpsychologisiert. Am Ende ist alles erklärt.

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