Jeder Mann ist eine Bedrohung

Der Schauspieler Casey Affleck hat nach „I'm Still Here“ von 2010 zum zweiten Mal Regie geführt. In „Light of My Life“, der in der Panorama-Reihe der Berlinale läuft, entwirft er eine frauenfeindliche Welt nahezu ohne Frauen. Ein Vater kämpft darin mit seiner Tochter ums Überleben.

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Von Kevin Scheerschmidt

Kevin Scheerschmidt

Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft B.A. (2013-2018) in Frankfurt am Main und seit 2018 Theater-, Film- und Fernsehkritik in München. Berufung: Film! Motto: Filme müssen wenn möglich auf der großen Leinwand konsumiert werden. Egal ob kleinster Independent oder größter Blockbuster, jeder Film hat das Potential großartig sein zu können. Jeder Film verdient eine Chance.

Ein Vater liegt mit seiner vorpubertären Tochter nah aneinander gekuschelt in einem Zelt. Die Kamera bewegungslos und in einer einzigen langen Einstellung darüber. Zu sehen sind vor allem die Gesichter der beiden, die Köpfe auf Kissen gelegt und einander zugewandt. Minutenlang konstruiert der Vater eine Geschichte über einen Fuchs, die im Rahmen der Arche-Noah-Erzählung spielt, abstruse Wendungen nimmt und sich selbst widerspricht. Dabei ist die Geschichte eine Metapher auf die eigene Lebenssituation und die Tochter gehört, wie die Tiere auf Noahs Arche, zu einer bedrohten Art. Casey Affleck spielt den Alleinerziehenden, der namenlos bleibt und nur Dad genannt wird. Er versucht seine Tochter Rag (Anna Pniowsky) in eine ferne Welt zu entführen. Weit weg von all dem Schrecken der realen postapokalyptischen Welt, die „Light of my Life“ zu bieten hat.

Erst nach und nach liefert der Film Informationen darüber, was passiert ist und wie die neue Welt funktioniert. Die „Female Plague“ hat nahezu alle Frauen ausgelöscht. Rag, gerade neu geboren, als die Seuche ausbrach, blieb davon verschont. Aber in einer Welt, in der es kaum noch Frauen zu geben scheint, ist jeder Mann eine potentielle Bedrohung und jede Frau ein seltenes Objekt der Begierde. Wenn sie Männern begegnen, gibt ihr Vater Rag deshalb als Jungen aus. Ein kurzer Haarschnitt und Jungs-Kleidung führen dazu, dass selbst der Zuschauer zu Beginn des Films nicht sicher ist, welches Geschlecht Rag hat. Der Vater hält die Begegnungen mit anderen Männern bewusst gering, weshalb die zwei im Wald in einem Zelt wohnen. Weit weg von allem Leben, das sich in einer Welt ohne Frauen seinen Weg gesucht hat. Diese neue Welt wird bestimmt von erwachsenen, immer älter werdenden Männern. Es funktioniert irgendwie auch ohne Frauen. Zumindest für den Moment. Züge fahren, es existiert ein Handelssystem und Menschen leben zusammen in kleinen Gemeinschaften. Die Zustände haben sich normalisiert, aber zu welchem Preis? Was ist eine Welt wert, in der jede Frau, die noch lebt, in dauerhafter Gefahr schwebt? Und wie kann es eine Zukunft geben, wenn der Mensch zur aussterbenden Spezies gehört?

Frauen, die Kinder zur Welt bringen könnten, gibt es vermeintlich nicht mehr. Es kursieren nur Gerüchte von einigen, die in Bunkern leben, aber man sieht sie nie. Ob sie wirklich existieren? Oder ob Rag die Letzte ist? Das letzte Mädchen, die letzte Frau der Welt?

Der Film ist auf das Verhältnis zwischen Vater und Tochter ausgerichtet. Die Chemie zwischen Rag und Dad ist fantastisch und es wird glaubhaft vermittelt, wie der Überlebenskampf die kleine Familie zusammengeschweißt hat.

Casey Affleck und die zwölfjährige Anna Pniowsky sind sich körperliche nahe, werfen sich Blicke zu, haben zärtliche, aber auch kritische Unterhaltungen. Eine führen sie, als Rag einen Kleiderschrank mit Mädchenkleidung findet. Unbewusst der Gefahr, in die sie sich damit bringt, führt sie ihrem Vater vor, wie angegossen die glitzernde Jacke sitzt. Die Wut des Elternteils darüber kann man nur verstehen, wenn man die postapokalyptische Welt bedenkt. Auf der anderen Seite kann man auch Rag verstehen, die sich als Mädchen fühlt, aber das nicht ausleben darf.

Vater und Tochter bilden ein Gespann, das füreinander eintritt und zusammenarbeitet. Ein Hoffnungsschimmer in der düsteren Welt, die Casey Affleck nicht nur als Hauptdarsteller zum Leben erweckt hat. Er führte zusätzlich Regie und nach eigenen Angaben begann er bereits vor zehn Jahren mit dem Drehbuch – ein wahres Herzensprojekt.

Dass einige den Film als Casey Afflecks persönliche Antwort auf die Vorwürfe der sexuellen Belästigung interpretieren, ist bei der Thematik des Films kaum zu vermeiden. Schließlich spielt Affleck in seinem eigenen Film einen Mann, der selbst als Retter der Frauen – im Film symbolisch seiner Tochter, der einzigen weiblichen Person – gilt. Diese Interpretationsweise liegt durchaus nahe, aber ob es am Ende so gemeint war, ist final nicht zu beantworten.

„Light of my Life“ setzt bekannte Themen ein und erinnert an Filme wie „Captain Fantastic“ (2016) von Matt Ross. Darin geht es auch um einen alleinerziehenden Vater, der seine intelligenten Kinder im Wald aufzieht. An „The Road“ (2009) von John Hillcoat muss man denken, in dem ebenso ein Vater mit seinem Kind in einer postapokalyptische Welt ums Überleben kämpft. Die Rückblenden zu einer besseren Welt mit saftigen, hellen Farben im Vergleich zur düsteren Postapokalypse ähneln sich in den beiden Filmen sehr stark.

Auch mit der Serie „The Walking Dead“ (seit 2010) gibt es viele Übereinstimmungen. Zwar gibt es in Afflecks Welt keine Zombies, aber dafür Männer, die sich nicht sehr stark von Zombies unterscheiden. Am deutlichsten sind aber die Parallelen zu „Leave no Trace“ (2018). Zu Beginn fühlt sich „Light of my Life“ an wie ein Zwillingsbruder des Films von Debra Granik. Auch dort gibt es ein Vater-Tochter-Gespann, das versteckt im Wald wohnt und isoliert von der Außenwelt lebt. Afflecks Film entwickelt sich aber in eine ganz andere Richtung und „Light of my Life“ spielt in keiner postapokalyptische Welt, sondern widmet sich dem Thema des Kriegstraumas.

Je mehr man die Welt und Charaktere aus „Light of my Life“ kennenlernt, umso bedrohlicher wirkt die Gefahr. Eine Gefahr, die der Vater seiner Tochter kaum begreifbar machen kann. Wie soll er Rag antworten auf ihre Fragen: „Warum suchen die Männer nach mir? Warum wollen sie mich mitnehmen?“ Wie verschont man sie vor einer so furchtbaren Welt? Der innere Kampf, den der Vater mit sich selbst kämpfen muss, wird in jeder kleinen Gesichtsregung von Casey Affleck deutlich. Es ist schmerzhaft, weil der Zuschauer all die Antworten auf Rags Fragen im Kopf hat. Das Wort Vergewaltigung schwebt wie eine dunkle Wolke über dem Film, aber wird nie genannt.

Das Zweiergespann findet auf seinem Weg ein verlassenes Haus, das den beiden vorübergehend als scheinbar sicherer Ort dient. Doch von vornherein ist offensichtlich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie entdeckt werden und weiterziehen müssen.

Noch bevor überhaupt eine Gefahr abzusehen ist, bereitet der Vater alles für eine potentielle Flucht vor. Wort für Wort muss seine Tochter den gesamten Fluchtplan wiederholen. Einzig das Bewusstsein und eine gute Vorbereitung auf die immer präsente Gefahr können das Überleben sichern.

Aber die Hauptfiguren sind genauso wenig Engel. Der Überlebensdrang führt dazu, dass sie einem jungen hilfsbereiten Mann das Auto klauen. Das Misstrauen ist zu groß. Aber kann man es ihnen verdenken? Schließlich kämpft am Ende jeder für sich. Und der Vater kämpft vor allem um seine Tochter, dafür sind ihm alle Mittel recht.

Die Musik von Daniel Hart vermittelt mit vielen Streichern das Gefühl der Bedrohung und Einsamkeit. Der tiefe Kontrabass kündigt häufig die Gefahr durch herannahende Männer an, bevor sie sichtbar werden.

Am Ende des Films hat es Casey Affleck geschafft, dass Vater und Tochter einem sehr ans Herz gewachsen sind. Die Spannung ist kaum zu ertragen, wenn die beiden von einer Gruppe Männer gejagt werden. Der Fluchtplan greift nicht wie gedacht, der Vater muss improvisieren. Doch selbst wenn der einzelne Kampf gewonnen werden kann, wird der Überlebenskampf gegen die postapokalyptische, männerdominierte Welt unablässig weitergehen.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok