Was war, das ist

„Heimat ist ein Raum aus Zeit“: In der Berlinale-Sektion „Forum“ zeigt der Dokumentarfilmer Thomas Heise sein 218-minütiges Jahrhundertwerk die Rekonstruktion seiner Familiengeschichte.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Es ist erstaunlich, wie mancher Filmemacher dazu neigt, das Sujet der Zeit formal auszureizen. Bis zur Grenze des Erträglichen. Damit Zeit keine abstrakte Dimension bleibt. Damit Zeit physisch wird, der Zuschauer Zeit am eigenen Leib erfährt. Immer wieder gibt es diese Ausreißer des stundenlangen Schwelgens in Bild und Ton, des Ergötzens an der Dauer, die Tendenz, Kinoereignisse zu schaffen statt nur einen Film. Philip Grönings Wettbewerbsbeitrag „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von der vergangenen Berlinale 2018 ist so ein Beispiel. Darin philosophiert ein leicht verstörendes Zwillingspaar in sommerlich-obszöner Abgeschiedenheit über Heideggers Theorien der Zeit, und der Film eskaliert nach drei Stunden Langeweile im ultimativen Gewaltexzess. Oder „Season of the Devil“, eine ehr als vierstündige „Filmoper“, wie Kritiker das Werk des philippinischen Regisseurs Lav Diaz gern synonymisieren. Und dieses Jahr auf der Berlinale: Thomas Heises’ Dokumentarfilm „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, der weit, sehr weit, ausholt, um seine Geschichte zu erzählen. Und ordentlich Sitzfleisch verlangt.

Gestreckt auf 218 Minuten rekonstruiert Heise über vier Generationen hinweg seine Familiengeschichte. Er bündelt vergilbte Fotos und Schriftstücke seiner Großväter und Urgroßväter, Großmütter und Urgroßmütter, Zeitungsartikel und Schulaufsätze und beobachtende schwarz-weiße Filmaufnahmen der Gegenwart zu einer Collage. Heises Bildmeditation ist Teil der Sektion „Forum“, eine Programmsparte wie gemacht für Filme mit ungewöhnlichen Formaten und Perspektiven. Im „Forum“ tauchen hin und wieder diese Filme auf, die Film als Medium reflektieren. Eine Reflexion also auch über Zeit. Denn Film ist Zeit.

Heise lässt die Zeit erzählen, Von 1912 bis 2014. Schon in den 1990er-Jahren fand der gebürtige Ostberliner Spaß an Langzeitprojekten. Mit seiner „Stau“-Trilogie begann er 1991 einen beobachtenden Dokumentarfilm über arbeitslose Jugendliche im Osten Deutschlands und mancher ihrer nationalsozialistischen Regungen, kehrte zur Jahrtausendwende zurück zu ihnen nach Halle-Neustadt und zeigt im Jahr 2007, was aus ihnen wurde. Jetzt nähert Heise sich nicht dem Fremden, sondern dem Eigenen. Er recherchiert Vergangenes und ergründet Verbliebenes, sucht seine eigene Biografie in der Biografie unbekannter Verwandter. Heises Heimat wird hier zu einem filmischen Raum, und dieser filmische Raum ist ein Angebot, sich seiner Heimat anzunähern und die eigene zu reflektieren. Was man dazu braucht, ist Zeit.

Ganz langsam schwenkt die Kamera einen dünnen Baumstamm entlang nach oben. Ganz gemächlich gleitet sie horizontal durch das Gebüsch eines Waldrandgebiets, die schlagenden Flügel von fernen Windrädern blitzen zwischen den Zweigen durch. Über zehn Minuten lang filmt die Kamera durch die mit Regen berieselten Scheiben einer fahrenden Wiener Trambahn. Im Off liest Thomas Heise pausenlos Schriftstücke der Vergangenheit, Briefe von seinem Großvater Wilhelm aus Berlin an dessen Zukünftige Edith in Wien. Er liest Schulaufsätze aus dem Jahr 1912, Wilhelms Gedanken über den Krieg, „im Krieg wird der Mensch zum Tier“, schrieb Wilhelm, liest Thomas. Seine Stimme ist der Klangteppich des Films, er erzählt und erzählt und verschmilzt irgendwann mit den subjektiven Erzählungen der Briefeschreibenden und Aufsatzschreibenden.

Das ist eine Zeitlang faszinierend, auf Dauer allerdings anstrengend, so mühevoll Heise die Schriftstücke auch zusammengetragen und dramaturgisch verflochten haben muss. Heises’ Stimme ist das dominante Medium, mehr als die Bilder, die er zeigt. Die sind eher assoziativ denn präzise auf die Erzählung abgestimmt. Das hat etwas von kollektivem Hörbuch-Hören, als lese da jemand Romanfragmente vor, während willkürlich damit verbundene Bilder auf der Leinwand aufeinanderfolgen. Sommerlich bekleidete Menschen im Gegenwartsberlin, an U-Bahn-Höfen oder auf den Straßen, dann starker Schneefall im Wald und Sandberge und Scheiterhaufen auf dem Grundstück eines verlassenen Arbeitslagers, „Mach dir nichts draus“ von Marika Rökk und Walter Müller, ein Schlagersong der 1920er-Jahre, vertont in knarzendem Schallplattensound die Bilder.

Eine schier endlose, alphabetisch geordnete Deportationsliste dominiert 20 Minuten lang die Leinwand. Namen verschwinden wie Rolltitel und werden durch weitere Namen verdrängt. Währenddessen spricht Heise die besorgten Worte seiner jüdischen Großmutter Edith. Es sind tragische und spannende Einzelschicksale, die stellvertretend für die Gefühlswelt von Menschen erhört werden können, die wir Kinder der Gegenwart nur noch als Grauhaarige mit Furchen und trüben Augen kennengelernt haben. Aber nach einer Weile fragt man sich, warum Heise nicht komprimieren konnte. Warum er keine einzige der 218 Minuten gekürzt hat. Vielleicht ist eine mögliche Antwort, dass das, was er hier zeigt, mehr ist als ein Film. Ein Erfahrungsraum. Bei dem nichts unwichtiger ist als sich an die etablierte Norm von zwei Stunden Filmlaufzeit zu halten.

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