Leere hinter dem Lächeln

Felix van Groeningens Film „Beautiful Boy“ zeigt das Leid eines Vaters, dessen Sohn in die Welt der Drogen entgleitet.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Das schwarze Loch in seiner Brust will sich einfach nicht schließen. Irgendwann hat es angefangen zu klaffen, und keiner, vielleicht nicht einmal er selbst, weiß, warum. Erst begann er zu kiffen, scherzte noch mit seinem Vater über dessen jugendliche Drogenexkurse und sagte lachend, es seien Drogen, die diese graue Welt nicht mehr ganz so grau aussehen ließen. Doch es blieb nicht beim Kiffen. Irgendwann, in seinem Zimmer auf dem College-Campus, spritzt sich Nic Sheff Heroin – und stürzt ab in einen Höllenkreis aus Entzugsversuchen und Rückfallen.

 „Beautiful Boy“ von dem belgischen Regisseur Felix van Groeningen ist die Verfilmung der autobiografischen Bücher von David Sheff und seinem Sohn Nic, die beide versuchten in Worte zu fassen, worüber sie in schlimmsten Zeiten nicht sprechen konnten, über den Leidensweg des Vaters, der dabei zusehen muss, wie der 18-jährige Sohn sich zerstört. Groeningen besetzt David mit Steve Carell und Nic mit Timothée Chalamet, und außer dem engsten Kreis der Familie – den Stiefgeschwistern von Nic, seiner Mutter und Davids zweiter Ehefrau – bleibt der Film zwei Stunden konsequent bei den beiden. 

Lange erzählt Groeningen von der Vater-Sohn-Beziehung, klammert die leibliche Mutter aus, verschleiert, warum Nic bei David aufwächst, warum David das alleinige Sorgerecht für den damals noch kleinen Nic bekam. Rückblenden zeigen eine heile Welt, in der David nicht nur Vater, sondern auch Nics bester Freund ist, in der sie über Literatur und Musik philosophieren. Diese Bilder machen klar, wie behütet Nic aufwächst – und umso unklarer, wie ein offensichtlich glücklicher Junge wie er den Drogen verfallen kann.

Oder ist es gerade diese behütete Welt, diese vertraute Isoliertheit, vor deren Verlust sich Nic fürchtet, als er alt genug ist, das väterliche Haus zu verlassen? Groeningen gibt keine Antwort darauf, und das ist gut so. Er zeigt die Komplexität einer Sucht, die nicht nur hinter der eines Drogenabhängigen, sondern hinter jeglicher Sucht steckt. Magersucht, Alkoholsucht, Spielsucht, Drogensucht – ein Strudel, der die Opfer verschluckt, dessen Anfang und Ende verschwimmen, der sie unfähig macht, zu erkennen, dass das, was sie tun, sie umbringen wird und ihre Angehörigen dazu zwingt, ihnen dabei zuzusehen.

Dass es Groeningen vor allem auch um die Geschichte der Angehörigen statt des Süchtigen geht, etwas, was berühmte Genregeschwister wie „Requiem for a Dream“ oder „Jim Caroll – In den Straßen von New York“ unberücksichtigt ließen, drängt der Film ab seiner zweiten Hälfte leider in den Hintergrund. So fokussiert er doch wie alle anderen Drogenfilme immer stärker Nic und seine wiederkehrenden Rückfälle, folgt ihm, während der Vater nach ihm sucht, löst auf, wo Nic ist, während der Vater der Angst ausgesetzt bleibt, dies nicht zu wissen. Das Gefühl des Angehörigen, dem Suchtkranken nicht mehr nahe zu kommen, verliert sich durch Groeningens Versuch, die Verzweiflung des Suchtkranken irgendwann gleichberechtigt zu zeigen wie die Verzweiflung des Vaters.

Berührend ist das trotzdem, wie könnte es das nicht sein, wenn Nic heimkehrt zur Familie, über 400 Tage clean, und am Ende doch wieder zur Nadel greift und sie in eines der vielen schwarzen Löcher seines Unterarms rammt. Ungewiss bleibt, ob sich das schwarze Loch in seiner Brust schließen lässt. Ohne Hilfe wird es das nicht.

 
„Beautiful Boy“
USA 2018
Regie: Felix van Groeningen
Drehbuch: Luke Davies, Felix van Groeningen, David Sheff, Nic Sheff
Darsteller: Steve Carell, Timothée Chalamet, Maura Tierney       
Filmstart: 24. Januar 2019, 120 Minuten
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Ok