Weißes Kreuz, schwarze Fäuste

In seinem Film „BlacKkKlansman“ entlarvt Spike Lee die rechte Szene und huldigt Ron Stallworth – den ersten afroamerikanischen Polizisten seiner Heimatstadt.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Das Landhaus ist vollgestopft mit Symbolen: Konföderationsflaggen, ein Foto von Nixon, ein Kreuz aus Glühbirnen. Davor knien Männer in weißen Kutten und Kapuzen. Ein Messdiener geht durch die Reihen und tauft sie. Ein Redner predigt sich in Fahrt.

Das Wohnzimmer dagegen enthält kaum Symbole. Es ist voll mit Menschen, mit Anhänger der Black Panthers. Ein alter Mann erzählt, wie er die öffentliche Verbrennung eines schwarzen Jungen miterlebt hat. Neben ihm zeigen Männer und Frauen Schwarz-Weiß-Fotos von dem Lynchopfer. Sie wurden als Postkarten verkauft.

In diesen parallel geschnittenen Szenen inszeniert Spike Lee den elementaren Kontrast zwischen rechtsextremer Hetze und afroamerikanischem Widerstand. Zwar zeigt er auch zu Beginn eine Black-Panther-Versammlung inklusive geballter Fäuste, aber in der direkten Gegenüberstellung von Propaganda und der Schilderung eines persönlichen Traumas anhand von Bildern entlarvt Lee den Rassismus der Weißen. Beide Reden sind mit Emotionen aufgeladen, aber während die eine sich mit Behauptungen begnügt, wird die andere mit Beweisen bestätigt. Es ist der feine, aber entscheidende Unterschied zwischen Fakt und Fiktion, der den Film aus den 1970ern ins Heute holt.

Spike Lee hat das Buch von Ron Stallworth (John David Washington), des ersten schwarzen Cops in Colorado Springs, verfilmt – und es trotz zeitlicher Distanz als Zerrspiegel der Gegenwart inszeniert. Es geht um eine Undercover-Mission, den Ku-Klux-Klan zu infiltrieren und auszuspionieren. Unter Stallworths Namen schleust sich der weiße Kollege Flip Zimmerman (Adam Driver) ein. Als Jude genauso ein Opfer der Hasstiraden, spielt er ein Pseudo-Mitglied. Unerfahren und riskant agiert das Ermittlerduo, wenn beispielsweise Stallworth weiterhin telefoniert, aber Zimmerman ihn auf den KKK-Treffen mimt. Zu leicht sind die Stimmen zu unterscheiden. Zu leicht passieren Anschlussfehler. Immer wieder kommt es zu absurden Spannungsmomenten und noch absurderen Eskalationen.

Mit „BlacKkKlansman“ ist Lee einerseits ein spannungsreicher Cop-Thriller, anderseits ein witziger und intelligenter Meta-Film gelungen. Er stellt die Wirkungsmacht des rassistischen Filmerbes aus („The Birth of a Nation“ und „Gone with the Wind“) und persifliert es mit Alec Baldwin, der mittlerweile eine erstaunliche Zweitkarriere als Donald Trump hingelegt hat, in der Rolle eines Rassentheoretikers.

Gleichzeitig bezieht sich Lee auf die Gegenwart: Stallworth und die Vorsitzende der lokalen Black Panthers lieben Blaxploitation-Filme. Am Ende schlüpft das Paar selbst in solche Archetypen des Genres. Sie zielen mit ihren Pistolen auf ein nächtliches KKK-Treffen mit brennendem Kreuz. Die Zeit dehnt sich. Der Raum fliegt vorbei. Die Fackeln im Film werden von Fackeln einer Handyaufnahme abgelöst. Ein Auto rast in eine Menschenmenge. Scherben, Trümmer, Verletzte, Tote. Das ist kein Blaxploitation-Film mehr. Das ist die Gegenwart von Charlottesville. Das ist Amerika.

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