Sibirische Wärme

In-den-Gngen_1.jpg

Mit seinem Film „In den Gängen“ gelingt Thomas Stuber ein einfühlsamer Einblick in Routine und Alltag kaum wahrgenommener Mitmenschen.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Ein statischer Blick in die Gänge eines Großmarkts, Regale voller Süßwaren, Getränke, Konserven. Gabelstapler tänzeln zu Johann Strauß’ unverkennbarem Walzer „An der blauen Donau“, Schwung und Heiterkeit auf Tonebene, Monotonie und Strenge dagegen in den Bildern. Schon in der ersten Sequenz von Thomas Stubers „In den Gängen“ liegt der ambivalente Kern des Films. Geometrische Bildkompositionen von Kameramann Peter Matjasko spiegeln die Ordnung des Arbeitsortes wider. Alle Abläufe sind hier geregelt. Mitarbeiter zu Disziplin aufgefordert. Jeder hier erfüllt eine Aufgabe. Jeder Tag ist gleich, eingebettet in den Mikrokosmos eines Großmarkts. Doch Thomas Stuber macht in diesem Mikrokosmos Platz für zeitweiliges Glück und schafft mit liebevollen Protagonisten einen Film voller Wärme trotz stets in den Gängen schlummernder Traurigkeit.

„In den Gängen“ basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clemens Meyer, mit dem Stuber auch das Drehbuch geschrieben hat. Es ist ein Ausschnitt nüchterner Realität und ein Einblick in den Alltag einer Gruppe von Vergessenen. Thomas Stuber kreist mit einer Lupe über Deutschlands Osten und lenkt den Blick auf jene, die sonst im Verborgenen bleiben, Randgestalten einer Gesellschaft, deren Arbeit im hektischen Takt des alltäglichen Lebens kaum wahrgenommen wird. Die Handlung spielt in einem sächsischen Großmarkt. Die Protagonisten sind bescheidene Menschen. Sie folgen einer täglichen Routine, viele bereits seit Jahrzehnten. In dieser Routine entstehen kleine Oasen des Glücks, während einige der Protagonisten zugleich in dieser Routine drohen verloren zu gehen. Der Großmarkt wird zu einer eigenen Welt, in der das Rauschen des Meeres durch die Gänge zieht, die Tiefkühl-Abteilung zu Sibirien wird und der Filialleiter am Ende des Tages mit zufriedenem Lächeln im Gesicht die Lichter löscht. Eine Utopie in den Köpfen der Arbeiter, die vermag, Alltägliches besonders zu machen.

Einer von ihnen ist Christian, der von Franz Rogowski gespielte schweigsame Neuen in der Getränkeabteilung. Hier wird er dem strengen, zugleich gutmütigen Bruno zugewiesen, der Christian nicht nur das Gabelstapler-Fahren, sondern auch die Gesetze des Großmarkts beibringt. Peter Kurth als Bruno birgt trotz seiner augenscheinlich harten Fassade einen verletzlichen Kern, der eine tiefe Traurigkeit bewahrt, die Stuber ihm ein eigenes Kapitel schenken lässt.

Jede Einstellung, die Christian allmorgendlich zeigt, ist identisch. Aufstehen, anziehen – flüchtig fängt die Kamera das Tattoo auf Christians Unterarmen und trainiertem Rücken ein –, er duscht, die Muskeln spannen unter seiner Haut. Christians Erscheinung ist weit von seinem introvertierten Auftreten auf der Arbeit entfernt. Allein die Diskrepanz zwischen seinem nackten Körper in der einsamen Wohnung und seinem besonnenen Gemüt auf der Arbeit erzählt seine persönliche Geschichte und lässt Schlüsse über Vergangenes zu. Später werden im Großmarkt zwei Proleten auftauchen und verblüfft darüber sein, Christian dort im blauen Kittel zu sehen. Alte Bekannte. Christian hat sich längst von ihnen abgewandt. Den Kontakt abgebrochen. Seine Vergangenheit hinter sich gelassen und den Wunsch, normal zu sein, wahrgenommen.

Bei allem subtilen Unmut steckt in unzähligen Momenten vor allem auch herrlicher Witz. So zum Beispiel Christians klägliche Fahrversuche mit dem Gabelstapler oder die Theoriestunde mit Ausschnitten des urkomischen Kurzfilms „Staplerfaher Klaus – erster Arbeitstag“ aus dem Jahr 2001.

Christians Tag findet jetzt in den Gängen statt. In den Gängen findet er auch Süßwaren-Marion. Zwischen Getränkekisten und Haushaltsartikel erspäht er sie in ihrer blauen Arbeiter-Latzhose, ist sofort von ihr angetan. Sie treffen sich in den Pausen vor dem Kaffeeautomat, ein breites Foto an der Wand zeigt Strand, Palmen und Meer. Zwischen Christian und Marion beginnt sich ein feines Band zu spinnen, zu zart, um stärker werden zu können. Marion ist verheiratet. Gefühle bleiben unausgesprochen, doch sie stecken in jeder Einstellung, die Franz Rogowski schüchtern in der Rolle des Christian zeigen, wie er Sandra Hüller als Marion durch die Regale beobachtet. Marion begegnet dem Neuling mit frechen Sprüchen, lächelt warmherzig, wenn sie seinem Blick begegnet, streicht ihm vorsichtig über das Tattoo auf seinem Arm. Man wünscht den beiden das Glück, wonach sie sich sehnen, doch ehe sie die Möglichkeit dafür bekommen, bleibt Marion eines Tages der Arbeit fern.

„In den Gängen“ ist eine leise Liebesgeschichte, die ganz im Sinne des poetischen Realismus in jenen Momenten besonders groß ist, wo sie Leerstellen lässt, die der Zuschauer am Ende selbst füllen darf.