Jeden Tag Disneyland

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Ein Mutter-Tochter-Gespann lebt in Sean Bakers Film „The Florida Project“ über das White-Trash-Amerika in einem rosafarbenen Hotelkomplex hart an der Armutsgrenze.

Von Tatjana Michel

Von Tatjana Michel

Tatjana Michel

Tatjana Michel studierte Psychologie in Salzburg, Hong Kong und München und legte während dieser Zeit ihren Schwerpunkt vor allem auf das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben. Danach wandte sie sich der Kulturkritik zu. Besonders die Bereiche Film und Tanz bespricht sie seitdem in Online-, Print-, Radio- und Videoformaten. Darüber hinaus arbeitet sie bei der Süddeutschen Zeitung.

In einer Welt, in der es an Arbeit, Geld und Perspektiven mangelt, muss man der Tristesse, den Routinen und den Sorgen etwas entgegensetzen. Den Kontrast zum grauen Alltag bildet buntes Plastik. Der lilafarbene „The Magic Castle“-Motelkomplex in der Nähe von Disney Land Orlando, indem ein kleines Zimmer mit angrenzendem Bad als Zuhause herhalten muss, welches alles andere als magisch ist. Die Nachbarschaft aus Fast-Food-Ketten und billigen Supermärkten, die in Neonschriften und mit überlebensgroßen, bunten Logos und Maskottchen um die Aufmerksamkeit der auf dem Highway Vorbeieilenden buhlen. Die pastellfarbenen Klamotten, bei denen man sich nicht entscheiden kann, ob sie aufgrund ihrer Farbe und Kontraste oder ihrer Kürze ins Auge springen. Blau gefärbte Haare und bunte Tattoos. Grelles, quietschendes, billiges Spielzeug.

In dieser Welt, die Sean Baker in „The Florida Project“ zeigt, lebt die sechsjährige Moonee mit ihrer 22-jährigen Mutter Halley. Sie meint es nicht gut mit den beiden, die versuchen, ihr alles abzuringen, was möglich ist. Vor allem Moonee gelingt das mit ihrem kindlichen Charme und ihrem furchtlosen und vorlauten Mundwerk spielend. Zusammen mit ihren beiden besten Freunden fegt sie durch den Motelkomplex und treibt vor allem den Hausmeister Bobby in den Wahnsinn, dessen Zuneigung jedoch trotzdem aus jeder Faser seines Körpers spricht. Ihrer Tochter begegnet Halley mit der gleichen Unbekümmertheit, die diese ihrer ganzen Umwelt entgegenbringt. Aber die Miete von 38 Dollar pro Tag will verdient werden, und geschenkt wir hier niemandem etwas.

Der Regisseur Sean Baker hat sich, wie in seinen vorherigen Filmen bereits, den Außenseitern angenommen. Nach Transgender-Prostituierten in „Tangerine L. A.“ und einer Pornodarstellerin, die sich in „Starlet“ mit einer alten Lady anfreundet, entschied sich Baker dieses Mal für den viel beschworenen White Trash Amerikas. Auch wenn die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die nicht weiß, wie sie für sich und ihr Kind sorgen soll, keine neue ist, erhält sie durch die Perspektive von Moonee, der das Bewusstsein für ihre Situation fehlt, einen ausgelassenen und befreiten Blick, ohne dabei die Schwierigkeiten aus den Augen zu verlieren. Dieser Blick wird zusätzlich durch die niedrige Kameraperspektive auf Höhe der Kinder verstärkt. Angelehnt an den Alltag, in dem es an Struktur fehlt, erzählt Baker den Film und das Leben seiner Figuren ohne eine rigide Dramaturgie.

Besonders machen den Film jedoch vor allem seine Schauspieler. Sean Baker fand Bria Vinaite für die Rolle von Halley über Instragram. Vinaite, die bis dahin noch nie geschauspielert hatte, passte so gut in das Bild, dass Baker für Halley vor Augen hatte, dass er sie für ein Vorsprechen einlud und dann für die Rolle engagierte. Auch Brooklynn Prince, die Moonee verkörpert, hatte bis dahin kaum schauspielerische Erfahrung gesammelt. In Kombination mit dem erfahrenen Willem Dafoe als Motelhausmeister und der Freiheit, die Baker seinen Schauspielern gegeben hat, machen Bria Vinaite und Brooklynn Prince den Film zu einm berührenden, tragischen Abbild einer Kindheit der Benachteiligten.           

„The Florida Project“
USA 2017
Regie: Sean Baker
Darsteller: Brooklynn Prince, Bria Vinaite, Willem Dafoe
Filmstart: 15. März 2018, 101 Minuten