Dresscode eines Monstrums

01_Der_Hauptmann_Weltkino_Filmverleih.jpg

Nach Hollywoodexkursen wie „R.I.P.D“ oder „Insurgent“ kehrt Robert Schwentke mit seinem Film „Der Hauptmann“ zurück nach Deutschland und bringt das ultimative Böse auf die Leinwand.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Sobald das erste Schwarz-Weiß-Bild die Leinwand füllt, ist klar, dass es sich hier um einen Film handelt, der abstrahiert. Farbe kommt nicht vor. Es ist eine Welt voller Schatten und wenig Hoffnung, die Robert Schwenkte in „Der Hauptmann“ erschafft.

Ein blonder junger Gefreiter hetzt durch den Wald, gefolgt von betrunkenen Offizieren. Sie schießen auf ihn, lachen und brüllen und verlieren sich in der Willkür ihres Tuns. Ein perfider Vorausblick auf das, was sich der Verfolgte wenig später selbst aneignen wird. Man wird sich wünschen, die Jäger hätten ihre Beute getroffen. Willi Herold heißt dieser Junge, der gerade einmal 19 Jahre alt ist und wie ein Opfer scheint. Ausgehungert, ohne Perspektive, allein. Dann findet er die Uniform eines Hauptmanns der Luftwaffe. Prächtig und intakt ist sie, vielleicht ein wenig verschmutzt, und die Hosenbeine sind zu lang. Herold legt kurzerhand seine zerschlissenen Kleider ab und ersetzt sie durch die Uniform. Es ist die Transformation vom kleinen Mann zum machtergreifenden Tyrann. Doch es ist nicht allein die Kleidung, die ihm zu einer Position verhilft, die er sich wohl selbst nie vermocht hatte vorzustellen. Herold ist clever. Sein rhetorisches Geschick ist die Eigenschaft, die seine Lüge trägt. Schnell hat er ein Dutzend Gefolgsleute um sich. Und sein Massaker in Lager II im Emsland beginnt.

Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit, auch bekannt als die des Henkers vom Emsland. Robert Schwentke greift damit zum ersten Mal in seiner Regielaufbahn historischen Stoff auf. Er erzählt von den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges und einem Menschen, dessen eigener Überlebenstrieb ihn zu unmenschlichen Taten befähigt.

Max Hubacher spielt Willi Herold, und er macht das so gut, dass der Zuschauer seine Figur zu hassen beginnt. Herold ist undurchdringlich und unberechenbar. Von Anfang bis Ende erfährt man wenig über ihn und sein wahres Innenleben. Er spielt Theater, aber mit einer Überzeugung, die in Absurditäten gipfelt und unerträglich wird. Es ist ein aus der Not geborenes Spiel, das er treibt. Sein riskantes und provokantes Spiel nimmt immer extremere Ausmaße an, denen er nicht mehr Herr wird. Was er begonnen hat, zieht er durch, um zu überleben. Egal, welche Opfer er bringen muss, egal, wie gewalttätig und brutal seine Handlungen werden. Er flüchtet erneut, doch diesmal nach vorn.

Herold lässt mehr als hundert Sträflinge im Gefangenenlager hinrichten. Seine Truppe karrt die Gefangenen vor ihr eigenes Massengrab, eine lieblos ausgegrabene Kuhle im dreckigen Boden auf dem Lager-Grundstück. Die Kamera erspart uns die grausamsten Anblicke, doch macht genau diese Entscheidung des Nicht-Zeigens die blutigen Szenen noch schlimmer, als sie ohnehin sind.

Der Zweite Weltkrieg steht in den letzten Zügen, Deutschland kurz vor der Niederlage. Jeder weiß das, doch keiner will es wahrhaben. Herolds Hinrichtungen sind die Superlative der sinnlosen Taten einer verzweifelten Nation vor ihrem Untergang. Überzeugte Nationalsozialisten klammern sich an ihre abstrusen Prinzipien und Bürokratien. Es ist ein letzter Atemzug, um den sozialen Körper mit all seinen erbärmlichen Ausdünstungen, Narben und Wunden am Leben zu halten.

Herolds kalte Konsequenz findet sich in der Bildsprache wieder. Schwentkes Konzept ist ein stilles, geradliniges, seine Inszenierung eine schaurige Ruhe mit klar konzipierten Bildern. Die Grautöne unterstützen die Grausamkeit, zugleich kreiert das Schwarz-Weiß eine Unnahbarkeit und ermöglicht es, sich vom Gesehenen zu distanzieren. Keine Musik, sondern lediglich Töne und Bässe untermalen das Visuelle. Schwentke verzichtet damit auf eine Dramatisierung des Sichtbaren. Das ist ohnehin stark genug. Florian Ballhaus wurde hierfür in San Sebastian mit dem Jurypreis für die beste Kamera ausgezeichnet.

Als die feindliche Luftwaffe Bomben auf das Lagergrundstück niederlässt, überlebt Willi Herold. Seine Taten nehmen kein Ende, auch nicht der Film. Schwentke hätte hier einen früheren Schlusspunkt setzen können. Von Herolds späterem Tod erfährt der Zuschauer ohnehin nur durch schriftlichen Nachtrag. Damit wird der Film zu der schonungslosen Geschichte eines Täters aus hinterer Reihe. Allein seine Endlosigkeit verursacht ein Gefühl der Ausweglosigkeit für das Gute. Auch wenn der historische Befund uns sagt, dass Herold im Alter von 21 schließlich starb – das Böse überwiegt und siegt in diesem Film. Wir sind befangen wie die Gefangenen, denen keine Hoffnung auf ein gutes Ende bleibt. Obwohl oder gerade weil das Ende des Krieges zum Greifen ist.