Unheimliche Begegnung mit der eigenen Art

Die Sci-Fic-Anthologie-Serie „Philip K. Dick’s Electric Dreams“ auf Amazon Prime erzählt weniger von aktuellen Ängsten in der Zukunft als vielmehr von den Irritationen des Menschseins.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

„Sorry, der Flug ist schon ausgebucht.“ So etwas will man als Tourist eigentlich nicht hören. Schon gar nicht, wenn es nur eine Ausrede ist. Doch die Reiseleiter und Piloten Norton und Andrews haben heute einfach keine Lust mehr, sie wollen Feierabend machen. Es gibt allerdings auch noch einen anderen, praktischen Grund, wieso das Reiseziel nicht angeflogen werden kann: Es existiert nicht mehr!

Die 342-jährige Gordon – Geraldine Chaplin spielt sie in einer würdigen und bewegenden Altersrolle – will einen Trip zur bereits evakuierten Erde buchen, um dort wie ihre Großeltern in einem Fluss zu baden. Weil sie den beiden gelangweilten Reiseleitern ein fünffaches Gehalt verspricht, nehmen sie den Auftrag schließlich doch an – notfalls muss ein ähnlich aussehender blauer Planet als Double herhalten: In der Episode „Impossible Planet“ aus der Anthologie-Serie „Philip K. Dick’s Electric Dreams“ treffen die letzten Träume im Alter auf Gier und Hinterlistigkeit zweier Unternehmer.

„Person of Interest“, „Altered Carbon“ und „The Man in the High Castle” … Der Kurs von Science-Fiction steigt bei Streamingdiensten stetig. Der britische Fernsehsender Channel 4 übernimmt dabei eine Vorreiterrolle. Zuerst produzierte er die Serie „Black Mirror“, die ab der dritten Staffel von Netflix eingekauft wurde. Und jetzt initiierte derselbe Kanal die Serie „Electric Dreams“, die wiederum von Amazon Prime vereinnahmt wurde. Die Produzenten haben das Projekt sicherlich als leichte Unternehmung eingestuft. Philip K. Dick hat sich durch frühere Adaptionen („Blade Runner“ und „Minority Report“) als Marke im Mainstream etabliert, weswegen der Autorenname gleich in den Titel mitaufgenommen wurde. Außerdem bietet Dicks Werk von mehr als 40 Romanen sowie mehr als 100 Kurzgeschichten etlichen Stoff für etliche Fortsetzungen – falls sich das Unternehmen als erfolgreich erweist … doch die Sache ist gar nicht so einfach.

„Black Mirror“ oder „Person of Interest“ sind deswegen spannend, weil sie direkt an der Gegenwart und an deren Erfindungen anknüpfen. Dick und den Showrunnern geht es eigentlich gar nicht so sehr um Was-wäre-wenn-Situationen. Seine Geschichten könnten während der Entstehungszeit der Vorlagen im Kalten Krieg, aber genauso im Heute oder im Morgen spielen. Weswegen die Welten in der Serie zwischen Stark-Trek-Kulissen und Americana-Vorstadtsiedlungen sehr unterschiedlich aussehen. Auch der Tonalität findet zu keiner Einheit, selbst innerhalb einzelner Episoden. „Impossible Planet“ beginnt als Gaunerkomödie und endet als Esoterikdrama. Die Anti-Müllverschmutzungsepisode „Autofac“ ist dagegen knallharte Schwarzenegger-Action ohne Schwarzenegger. „The Father Thing“ erzählt wiederum von einer Vater-Sohn-Beziehung, die langsam (durch Aliens?!) in die Brüche geht. Und in dem Ehedrama „Human Is“ ist man sich nicht sicher, ob Bryan Cranston einen Ehemann oder einen Replikaten spielt. Die Episoden suchen also weniger einen konkreten Zeitbezug als vielmehr nach universellen Identitätsfragen, die zum Beispiel in den beiden „Blade Runner“-Filmen tiefgründiger und optisch beeindruckender verarbeitet wurden. Insofern sind manche Geschichten keine wirklichen elektrischen Träume, sondern höchstens elektrische Déjà-Vus.

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