Das Lächeln im Sommer, die Tränen im Winter

Luca Guadagnino ist mit „Call Me by Your Name“ ein elegischer Liebesfilm ohne jeglichen Kitsch geglückt, der nun für vier Oscars nominiert ist.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Der Geruch von frischem Kaffee und Pfirsichen liegt in der Luft. Der Frühstückstisch ist reichlich gedeckt. Die Morgensonne steigt über den Garten der Villa auf. Schon zu Beginn gelingt es dem Film „Call Me by Your Name“, Geruch und Geschmack sichtbar zu machen. Auch der Tastsinn wird im Laufe der Geschichte nicht zu kurz kommen.

Die diskret-jüdische und mehrsprachige Intellektuellenfamilie Perlman verbringt jeden Sommer auf ihrem Landsitz in Norditalien. Der Vater erforscht die Antike, die Mutter liest Klassiker der Literaturgeschichte. Nur für den 17-jährigen Sohn Elio (Timothée Chalamet) bedeutet die Idylle Langweile. Schon in Luca Guadagninos vorherigen Film „A Bigger Splash“ – ein Remake vom „Swimmingpool“ – leiden die sonnenverbrannten Figuren an der eigenen Schönheit und am Überfluss. Die Stimmung des Ennuis artet aber nicht in Streitereien aus, sondern wandelt sich diesmal in eine behutsame Liebesgeschichte.

Der 24-jährige amerikanische Student Oliver (Armie Hammer) arbeitet als archäologischer Assistent für den Professor. Zuerst nimmt er das mediterran-gemächliche Tempo an, das mehr an Urlaub als an Arbeit denken lässt. Unlust und Lust liegen in diesem Film immer eng beieinander. Oliver flirtet und tanzt mit einer Italienerin. Elio schläft mit einer Französin am nächtlichen See. Es scheint, dass die beiden Jungs sich mehr dulden als mögen. Doch unauffällige Zeichen häufen sich. Ein Schubsen auf dem Fahrrad, ein Kneten der Schulter beim Volleyballspiel. Als die Annäherung zwischen den beiden immer offensichtlicher wird, blendet Guadagnino dezent ab oder schwenkt zur Seite. Er spielt mit dem Zeigen und Nicht-Zeigen des Körperlichen und aktiviert den imaginierten Tastsinn der Zuschauer.

Die Liebesgeschichte von Elio und Oliver, die in den 1980er-Jahren spielt, sieht in der Gegenwart ungewohnt zurückhaltend aus. Die Zeichen erscheinen nur unauffällig. Nach einer gemeinsamen Nacht trägt Elio ein Kettchen mit Davidstern genauso wie Oliver. So etwas fällt der Mutter auf. Aber weder die Familie noch die Freundinnen und am wenigsten die Liebenden selbst können sich den glücklichen Verlauf der Beziehung erklären. Erst langsam neigt sich der Sommer dem Ende und man erkennt darin das gleichzeitige Ende der Beziehung. Aber es kommt zu keiner dramatischen Trennung, stattdessen wird die Traurigkeit tapfer heruntergeschluckt.

James Ivorys Werk, das sich durch etliche Literaturverfilmungen auszeichnet, schimmert in der Verfilmung von André Acimans Roman durch. Man denkt unweigerlich an das Melodrama „Zimmer mit Aussicht“ um die britischen Expatriates in Florenz. In „Call Me by Your Name“ ist er zusammen mit Walter Fasano und dem Regisseur am Drehbuch beteiligt. Wenn der Vater seinem Sohn versucht, das Leben zu erklären, gehört das zu den bewegenden Kinomomenten. Hier will niemand den anderen belehren, sondern auf Augenhöhe helfen. Hier soll niemand bereuen. Glück und Schmerz sind zusammen wertvoller als Glück und Langeweile. Wenn der Schnee zum jüdischen Lichterfest den Garten um die Villa bedeckt und Elio ins Feuer starrt, weiß man als Zuschauer nicht, ob man dem Vater Recht geben oder ob man am Ende weinen soll.

„Call Me by Your Name“
Frankreich, Italien, USA, Brasilien 2017
Regie: Luca Guadagnino
Buch: James Ivory, Walter Fasano, Luca Guadagnino
Kamera: Sayombhu Mukdeeprom
Darsteller: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg
131 Minuten
Kinostart: 1. März 2018
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