„Es bringt nichts, wenn ich ihn beschütze“

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Vor Jahren traf der Bruder die Entscheidung, sich den Legionären Christi anzuschließen. Seitdem ist ein Kontakt zwischen ihm und seiner Familie kaum noch vorhanden. Die junge Filmemacherin Zita Erffa leidet unter der Abschottung ihres Bruders László im Noviziat in Connecticut und beschließt, einen Dokumentarfilm über ihn zu drehen, der auf der Berlinale 2018 gezeigt worden ist. Die Geschwister waren als Teenager in christlichen Sommercamps. Er bei den Legionarios, sie bei den Consagradas. Irgendetwas ist geschehen, das ihren Bruder davon überzeugte, sein Leben im Kloster fortzusetzen. In „The Best Thing You Can Do With Your Life“ sucht Zita Erffa den Kontakt zu ihm und nimmt dabei selbst eine wichtige Rolle ein. Ein Gespräch mit der Regisseurin.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Du sagst, Du hasst Leute, die Filme über ihre Familien machen. Jetzt hast Du selbst einen solchen Film gedreht.

Ja, mir hat das viel gebracht. Auch meiner ganzen Familie und meinem Bruder. Ich glaube, es kommt drauf an, wie man an sowas ran geht. Wenn man wirklich Interesse hat, ein Thema zu bearbeiten, dann ist’s okay, diesen Ansatz zu wählen. Bei manchen solcher Filme habe ich aber das Gefühl, dass es gar nicht nötig wäre, Privates vor der Kamera zu verarbeiten. Oder dass Dinge gezeigt werden, die einfach nicht gezeigt werden sollten.

Viele junge Filmemacher wählen häufig die eigene Familiengeschichte als Thema ihrer ersten Dokumentarfilme. Warum?

Das scheint erst mal recht einfach, in der Geschichte der eigenen Familie rumzugraben. Manchmal kann das aber auch peinlich enden. Ich habe in Mexiko einen Dokumentarfilm über die Großmutter einer japanischen Filmemacherin angesehen. Darin zeigt sie ihre Oma nackt in der Badewanne. Alles quillt über, dieses Bild ist unnötig. Ich hab den Mehrwert nicht verstanden.

Zu Beginn Deines Films sehen wir Dich in einer Hypnosesitzung mit einer Therapeutin. Könnte man den Film als Deine Therapie bezeichnen, um die Entscheidung und Abwesenheit deines Bruders besser zu verstehen?

Ja, auf jeden Fall. Aber für den Zuschauer ist es egal, was der Film für mich ist. Es geht mehr darum, wie andere Leute ihn sehen. Ich hoffe, dass sich die Menschen angesprochen fühlen und an Leute denken, mit denen sie zerstritten sind, obwohl es gar keinen Grund dafür gibt. Bei meinem Bruder gab es zwar einen Grund. Es war doof, dass er einfach abgehauen ist. Aber ich meinerseits war ja auch total kindisch.

Warum kindisch?

Wenn ich wirklich gewollt hätte, wäre ich einfach zu ihm gefahren, hätte gesagt: „Ich weiß, ich darf eigentlich nicht kommen, bin aber jetzt trotzdem da“ und hätte ihm geschrieben. Meine Schwester hat ja auch Briefe geschrieben. Sie hat sie fest versiegelt und auf den Umschlag geschrieben, dass dieser Brief bei László Erffa höchstpersönlich und ungeöffnet ankommen muss.

Im Film sagst Du, die Ordensväter würden jeden der Briefe lesen. Den Deiner Schwester haben sie dann aber ungeöffnet an László weitergereicht?

Ja. Sowas hätte ich auch machen können. Habe ich aber nicht, weil ich super beleidigt war.

Und Deine Geschwister waren weniger beleidigt als Du, was Lászlós Entscheidung anging, Legionär zu werden?

Die Kleinste war sieben, als László gegangen ist. Sie kannte ihn gar nicht gut. Ich hab meiner Familie das Rohmaterial gezeigt. Meine Schwester ist dann weggegangen und hat geheult und gemeint, dass sie nichts von ihrem Bruder weiß, und auf einmal sieht sie so viel von ihm. Damit konnte sie nicht gut umgehen.

Wie hat Deine Familie überhaupt auf die Idee von Dir reagiert, einen Film über László zu machen?

Ich hatte ein bisschen Angst, als ich’s angesprochen habe. Eben weil die Sache so privat ist, finden die das bestimmt nicht so gut, dachte ich. Aber alle haben positiv reagiert, auch mein Bruder. Ganz am Anfang hab ich ihn noch viel mehr beschützt. Ich darf ihn aber nicht beschützen, wurde mir gesagt. „Wenn du ihn beschützt, dann zerlegen ihn die anderen, also die Zuschauer.“

Was meinst Du mit beschützen?

Dass ich gewisse Sachen nicht reinnehmen wollte, weil sie mir zu krass vorkamen.

Welche Szenen wolltest Du nicht reinnehmen?

Das Gespräch mit meinem Bruder über Homosexualität zum Beispiel. Als wir das gedreht haben, dachte ich: „Oh mein Gott, was sagt er da.“ Aber das ist eben seine Meinung. Es bringt nichts, wenn ich ihn beschütze, denn damit nehme ich ihm seine Stimme weg. Er selbst war mit der Szene unzufrieden. Er meinte, dass er da nicht gut argumentiert. Was auch stimmt. Aber wir haben alles drin gelassen, auch die Stellen, die ihm vielleicht peinlich sind oder wo er nicht so gut weg kommt. Ich komme da ja auch oft nicht gut weg.

Du erwähnst es kurz im Film, aber es schien recht unkompliziert gewesen zu sein, die Drehgenehmigung im Noviziat zu bekommen und Deinen Bruder zu überzeugen?

Das hat mich schon auch gewundert, ja. Vielleicht hab ich mich überhaupt erst getraut anzufragen, weil ich dachte, dass sie eh abblocken werden. Der Film war nichts, was mir zuvor in den Sinn gekommen wäre zu machen.

Warum hast Du Dich entschieden, es doch zu tun?

Ich musste an der Uni einen Film machen. Und ich habe mich immer davor gedrückt, mich mit dem Thema, den Legionären, zu beschäftigen. Unbewusst war der Wunsch da, das zu klären. Die ganze Sache hat einen riesigen Knoten in mir entstehen lassen, der mein ganzes Leben beeinflusst. Ganz oft habe ich nachts von László geträumt, dass wir zusammen auf einer Party sind oder er eine Freundin hat. Solche Sachen.

Du warst beleidigt und enttäuscht. Ist das der Grund, warum Du im Film oft so wütend bist?

In einer früheren Version des Films fällt es den Leuten schwer nachzuvollziehen, warum ich so böse bin. Die ganze Vorgeschichte, die Sommercamps und das Archivmaterial haben gefehlt. Aber ja, ich wünschte mir einfach einen Bruder, mit dem ich angeben und auf Partys gehen kann. Ich hab mir aber auch einfach ernsthaft Sorgen gemacht um ihn und wollte gucken, was da passiert, wie es ihm überhaupt geht. Ist er dort, weil er dort wirklich sein möchte? Ist er zufrieden?

Ist er es?

Ja. Es ist nicht alles schlecht, was die dort machen, gar nicht. Man kann sich sogar vieles abgucken. Sie haben Energie, machen viel Sport, sind immer beschäftigt. Vielleicht zu beschäftigt. Was mir gefallen hat ist, dass sie so international sind. Die Jungs kommen von überall auf der Welt. Das, was mich eben stört, ist, dass sie so streng sind, sodass man misstrauisch wird. Und dass sie sich so abgeschottet haben, was einer ganzen Familie sehr schaden kann.

Was haben die acht Tage Dreh im Noviziat mit Dir gemacht?

Vor dem Dreh war alles schwarz. Wenn ich an meinen Bruder gedacht habe, hatte ich keine Bilder vor Augen. Ich hab gesehen, dass diese Typen lieb sind. Keine Roboter oder Monster… Vielleicht ein bisschen Roboter. Aber keine Monster.

Du warst genau wie László in einem Sommercamp, das, wie Du selbst im Film sagst, sektenartige Merkmale hatte. Warum hast Du Dich nie, anders als Dein Bruder, von den religiösen Vorstellungen der Consagradas anstecken lassen?

László interessierte sich immer schon mehr als ich für Religion. Die Zeit mit den Consagradas hat mir auch Spaß gemacht, der Religionsunterricht und das Beten allerdings nicht.

Woran glaubst Du?

Ich bin Agnostikerin. Die Kirche, so wie sie jetzt ist, finde ich nicht gut als Institution. Es gibt so viele Regeln, die verrostet sind und keinen Sinn machen. Gleichzeitig hat sie so viel Macht. Was aber gut ist, ist eine Gemeinschaft, an die man sich wenden kann. Ich beneide ehrlich gesagt die Leute, die sich einer Gemeinde zugehörig fühlen, sich an einem Glauben festhalten können.

László war als Junge auch wie Du skeptisch gegenüber den Prinzipien der Legionäre.

Er selbst hat gesagt, dass er da auf gar keinen Fall hingehen würde. In diesen zwei Wochen, die er später dann mit ihnen verbracht hat, hat er wohl etwas gefühlt, das ihn zutiefst überzeugt hat. Das Gebet bot Raum zum Nachdenken. Vielleicht folgte er einfach einer Intention. Er hat sich dort wohlgefühlt. Das ist kein Kloster, wo alle über sechzig sind. Er ist da mit Gleichaltrigen und Gleichgesinnten zusammen.

Wusste deine Eltern von den sektenartigen Merkmalen der Camps?

Nee. Meine Mutter meinte, sie würde uns da noch mal hinschicken, weil es uns so gut gefallen hat. Mein Vater sagt, er würde das nicht noch mal tun. Es war ja eigentlich auch meine Tante, die damals gefragt hat, ob wir da mal mitfahren wollen. Aber das ist ein Punkt, den ich im Film übrigens ändern würde: meine Familie ein bisschen stärker einbringen. Jetzt denken viele, dass sie Schuld sind. Das ist überhaupt nicht der Fall. Die haben sehr darunter gelitten.

„The Best Thing you can do with your life“ ist ein Titel, der mehr der Sicht Deines Bruders  entspricht als Deiner. Was ist für Dich das Beste, was Du mit deinem Leben tun kann?

Das, was ich jetzt mache, finde ich schon ziemlich gut. Ich lege mich nicht auf eine Sache fest,  kann alles sein und machen, wenn auch von allem nur so ein bisschen. Ich werde jetzt meinen Film in Kolumbien und Mexiko auf Festivals zeigen und zum Dokfilm-Fest nach München zurück kommen.