Verwelkte Lilie

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Berlinale 2018: Mit seinem Biopic „The Happy Prince“ über die letzten Lebensjahre von Oscar Wilde widmet sich Rupert Everett endlich einem Kapitel, das sonst in Film und Literatur meist übergangen wird.

Von Anna Landefeld-Haamann

Von Anna Landefeld-Haamann

Anna Landefeld-Haamann

War ein komisches Kind mit Vorliebe für Beethoven, Kafka und Neo Rauch. Sie fühlt sich nicht mehr ganz so komisch, seit sie im Ergänzungsstudiengang Kulturkritik auf Gleichgesinnte gestoßen ist. Schreibt neben der Cult unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung.

Mit einem großen Knall geht es zu Ende. Kein metaphorischer Knall, wie es etwa die Veröffentlichung des „Bildnisses des Dorian Gray“ war oder der Prozess um Oscar Wildes homosexuelle Beziehungen, der den Autor schließlich ins Zuchthaus gebracht hat. Sondern ein realer Knall. In einer Spelunke in Montmatre zieht der große Dandy noch einmal die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, steigt auf einen Tisch und  stimmt das seinerzeit beliebte Liebeslied „The Boy I Love is up in the Gallery“ an. Das Publikum jubelt, doch der von Krankheit, Alkohol und Kokain gezeichnete, massige Körper versagt und plumpst auf den dreckigen Holzboden. Und mit dem dumpfen Klang des Aufpralls schießt dem Betrachter eine Frage in den Kopf: Muss das wirklich sein? Braucht es einen Film, der die komplette Entwürdigung und den Verfall Oscar Wildes minutiös und schonungslos dokumentiert?

Rupert Everetts Oscar-Wilde-Biopic „The Happy Prince“ über die letzten drei Lebensjahre des Autors, beginnend mit der Entlassung aus dem Zuchthaus, ist ein einziger Blick in die Hölle, frei von jeglichem Glanz, der den Mythos Wildes bis heute prägt. Everett, der sowohl Wilde spielt als auch Regie führt, versucht bis auf wenige Szenen erst gar nicht, durch Rückblenden die glorreichen Zeiten aufflammen zu lassen. Konsequent konzentriert sich der Film darauf zu zeigen, wie Wilde versucht, unterstützt von seinen wenigen verblieben Freunden, allen voran dem treuen Robert Ross (Edwin Thomas), nach den Leiden und den Misshandlungen im Zuchthaus noch einmal ins Leben zurück zu finden – und wie er würdelos daran scheitert. 

Dabei bleibt der Film über weite Strecken allerdings irritierend distanziert. Nicht viel ist von der großen Verehrung Everetts für Wilde zu spüren. Jahrelang hat er für die Umsetzung dieses Films gekämpft, sogar immer wieder in der Annahme, dass es nun endlich klappt, andere Angebote ausgeschlagen. Doch auf der Leinwand bleibt er selbst oft holzschnittartig und die Darstellung blass wie Wildes weiß gepuderte Wangen. Colin Morgan spielt den Liebhaber Alfred „Bosie“ Douglas nicht charmant-verführerisch wie einst Jude Law in der großen Wilde-Biografie von 1997, sondern nur als verzogenen Egomanen. Nichts zu spüren von der Anziehung, die er auf Wilde ausgeübt hat und den Gefühlen, die er einst auch für ihn hatte.

Freilich gibt es diese abstoßende Seite Bosies, aber sie ist eben nicht alles. Auch die geradezu legendäre Rivalität zwischen ihm und Robert Ross um die Liebe des Autors greift Everett nur halbherzig auf. Lediglich Emily Watson als Ehefrau Constance schafft es in ihren wenigen Minuten, wahre Gefühle – Verzweiflung, Trauer, Wut – auf die Leinwand zu bringen.

Anrührend wird der Film immer dann, wenn der verfallende Wilde seinem Liebhaber, einem armen Jüngling, und dessen Bruder Passagen aus dem titelgebenden Märchen „Der glückliche Prinz“ vorliest, das er 1888 veröffentlicht hat. Es erzählt von einer Schwalbe, die sich auf der goldenen Statue eines einstmals bewunderten Prinzen niederlässt. Nach und nach bittet die Figur den Vogel, die Edelsteine und das Gold, das sie schmückt, unter den Armen zu verteilen. Die Schwalbe bleibt bei dem Prinzen, es wird Winter – und das Tier erfriert. Außerdem wird die nun unansehnliche Statur eingeschmolzen. Gerührt von der Aufrichtigkeit der beiden Figuren holt Gott sie zu sich ins Paradies.

Wenn Everetts Wilde diese Szenen erzählt,  wird zwar der Dreck nicht weniger und das Leid nicht kleiner, dennoch bekommt der Betrachter ein Gefühl für das Genie und die Einfühlsamkeit, die hinter dem sabbernden und verkrusteten Gesicht wohnen. Und sofort kehrt sie zurück, die große Frage: Musste das sein? Braucht die Welt einen Film über das entwürdigende Ende von Oscar Wilde? Möglicherweise ja schon.  Einfach weil diese Zeit genauso zu seinem Leben gehört wie die ruhmreiche. Und weil er es nicht verdient hat, in seinem Ende von der Rezeption in Film und Literatur genauso alleine gelassen zu werden wie von der Gesellschaft.