Eine Frage hätte ich noch!

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Berlinale 2018: In dem Dokumentarfilm „Unas Preguntas“ ergründet Kristina Konrad die mühsamen Anfänge der Demokratie in Uruguay nach der Zeit der Diktatur.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Zuerst sieht man nur die leeren, ausgestorbenen Straßen von Montevideo. Nach einer Weile versammeln sich immer mehr Menschen und marschieren skandierend durch die Hauptstadt. Wir befinden uns im Uruguay der 1980er-Jahre. Die Militärdiktatur ist zwar passé, aber das Land hat noch einen beschwerlichen Weg zur Demokratie vor sich. Das umstrittene Amnestiegesetz für die Zeit während des Regimes wird zu der ersten Zerreißprobe innerhalb der Bevölkerung und führt zu einer Volksabstimmung, die das Gesetz mit einer Mehrheit von 55,9% bestätigt.

Die Dokumentarfilmerin Kristina Konrad verfolgt die Frage, wie es sich mit der neuerlangten Freiheit lebt, und wie praktizierte Demokratie im täglichen Lebens des kleinen Manns und der kleinen Frau aussieht. Hierfür montiert sie Aufnahmen vom öffentlich-städtischen Leben, von Versammlungen, von Interviews und von TV-Werbe- und Wahlspots. Das ergibt insgesamt ein sehr breit gefächertes Bild der uruguayischen Gesellschaft, wirkt über 230 Minuten jedoch auch sehr ermüdend, da Konrad auf einen Erzähler, und somit auf eine äußere Einordnung oder Kommentierung verzichtet, und das viele Bildmaterial scheinbar ungefiltert abspielt. Zu viel Leerlauf kommt auf und zu viele Sachverhalte bleiben für Zuschauer ungeklärt, die sich nicht mit der jüngeren Geschichte Uruguays auskennen. Auch die immergleichen Fragen der Interviewerinnen María Barhoum und Graciela Salsamendi nach Frieden und Gerechtigkeit lassen keine tragfähige Dramaturgie für mehr als vier Stunden erkennen.

Doch was eindrücklich aus dem Dokumentarfilm hervorgeht, ist, wie widersprüchlich die Bürger für dasselbe Ziel argumentieren, und wie schwer es ist, abstrakte und rhetorische Begriffe wie Frieden und Gerechtigkeit in konkrete Forderungen und Taten umzuwandeln. Demokratie ist eben nicht nur eine Frage des Wählens, sondern auch eine Frage des Verstehens, des Streitens und des Überdenkens – eine zeit- und ortlose Feststellung.