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Berlinale-Kurzkritik: „Touch Me Not“ von Adina Pintilie

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Berlinale 2018. Filme im Wettbewerb: „Touch Me Not“ von Adina Pintilie – Gewinner des Goldenen Bären

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Dort, wo Liebesgeschichten im Kino aufhören, beginnt im echten Leben das, was für viele selbstverständlich zur Liebe dazugehört. Explizite Sexualität ist etwas, das sich das Kino bis heute selten traut. „Touch Me Not“ tut das. Der Film, der Dokumentation sein will und dann auch wieder nicht, sitzt hier aber einem großen Irrtum auf. Das, was Adina Pintilie eigentlich erzählen will, ist das Wesen menschlicher Intimität. Die 50-jährige Laura ist ihre Hauptversuchsperson. Laura will lernen, sich zu öffnen – Berührung, Zärtlichkeit oder Verlangen zuzulassen. In dieser therapeutischen Versuchsanordnung wird sie mit einem Callboy konfrontiert, der vor ihren Augen masturbiert, und sie trifft eine sich prostituierende Transfrau mit Vorliebe für Brahms, die Lauras emotionale Grenzen bei einem Striptease ausloten möchte. Dass Sex gleichbedeutend mit Intimität sein soll, ist eine allgemein oft anzutreffende Verwechslung. Dieser erliegt offenbar auch die rumänische Filmemacherin, die noch dazu völlig ohne Kontext den Begriff Liebe in den Ring wirft. „Sag mir, wie du mich geliebt hast, damit ich verstehe, wie ich lieben kann“, hallt ihre Stimme aus dem Off. Tatsächlich könnte die Entfremdung zwischen Laura und ihrem bezahlten Besuch nicht größer sein. Als die Stripperin mit den Worten: „Das ist die ganze Wahrheit“ die letzten Hüllen fallen lässt, mag man ihr nicht so recht glauben. Die Verweigerung des Callboys, sein Intimstes, die Übersetzung der rumänischen Schriftzeichen des Tattoos auf seiner Brust, preiszugeben, wird symptomatisch für Pintilies Unterfangen. Sie scheitert an der Vermessung einer der schwierigsten Formen menschlicher Emotionalität: dem Dreieck mit den Seiten Liebe, Sexualität und Intimität. Die Jury unter der Leitung von Tom Tyker hat der Film dennoch überzeugt: „Touch Me Not“ gewinnt den Goldenen Bären als bester Film der diesjährigen Berlinale.