Am Ende der große Knall

Der Arthouse-König Philip Gröning liefert mit „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ den kontroversesten Wettbewerbsbeitrag der Berlinale.

Von Carolin Werthmann

Von Carolin Werthmann

Carolin Werthmann

Mit der Haarbürste als Mikro sang und tanzte ich mit acht vor dem Spiegel zu Disney’s Tarzan oder Pocahontas. Heute sehe und höre ich lieber anderen dabei zu, wie sie singen, tanzen oder Geschichten erzählen – und schreibe darüber. Ob diese Geschichten nun auf Bühnen, hinter Buchdeckeln oder auf der Leinwand warten: in allen Fällen machen sie etwas mit mir, berühren mich immer, belustigen mich oft, ärgern mich manchmal. Diese Gefühle möchte ich vermitteln, möchte zu einem Diskurs beitragen. Ein Diskurs initiiert von Kultur.

Ein bisschen erinnert dieses dreistündige Coming-of-Age-Drama an Oliver Stones „Natural Born Killers“, obwohl der Regisseur Philip Gröning so ziemlich der letzte ist, den man mit Stone vergleichen könnte. Seine beiden Protagonisten sind es, die Zwillinge Elena und Robert, die diese Parallele zu Stones Figuren Mickey und Mallory Knox nahelegen. Zwei junge Menschen, deren Liebe zueinander sie in einen absoluten Kontrollverlust versetzt, wo irrationale Dinge geschehen und Sex und Mord ein dionysischer Befreiungsakt sind. Anders als in „Natural Born Killers“ ahnt der Zuschauer von „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ jedoch nichts von diesen Gewalttaten, die im letzten Drittel des Films auf ihn warten. Vorausgesetzt, man hält bis zu diesem letzten Drittel durch. Einige Zuschauer verlassen bereits nach der ersten halben Stunde den Saal. Man kann es ihnen nicht verübeln. Dieser Film ist kein Publikumsfilm. Er ist purstes Art-House-Kino und zieht sich in den ersten zwei Stunden wie Kaugummi.

Erst mal sind da nur Elena und Robert, die auf einer abgelegenen Wiese für das Philosophie-Abi von Elena lernen, das in wenigen Tagen bevorsteht. Sie zitieren mit bedeutungsschwangeren Stimmen Heidegger und Brentano. „Was ist Zeit?“, ist die bestimmende Frage ihrer Gespräche und die bestimmende Frage des Films.

Die beiden sind allein auf diesem verlassenen Feldstück im Hochsommer, leben praktisch dort und ernähren sich von Bier und Eis von der nahegelegenen Tankstelle. Die Tankwarte Erich und Adolf scheinen die einzigen sozialen Kontakte außerhalb ihrer eigenen kleinen Welt zu sein. Haben sie überhaupt Eltern? Ein richtiges zu Hause zumindest. Denn in einer der ersten Szenen liegt Robert noch nackt im Bett, vermutlich im Zimmer seines Elternhauses, das man fortan nie mehr sehen wird. Neben ihm ein Mädchen, ebenfalls nackt. Später harkt Elena nach. Sie ist eifersüchtig. Auf ihrer Eifersucht fußt schließlich auch die Wette, die sie mit ihrem Bruder abschließt. „Vor meinem Abi vögele ich noch mit jemanden.“ – „Mit wem?“, fragt Robert. – „Irgendjemanden.“

Die Schauspieler Josef Mattes und Julia Zange agieren so selbstverständlich miteinander, dass trotz all der Ereignislosigkeit ein Gespür für diese enge geschwisterliche Beziehung entsteht. Gröning nimmt sich eben die Zeit, seine Figuren langsam und bedächtig einzuführen. Das strapaziert zwar einerseits die Geduld, denn außer altklugen Dialogen, gelegentlichen Raufereien und unangenehmen Zärtlichkeiten zwischen den beiden passiert lange nichts. Andererseits kreiert Gröning damit diese intensive Verbindung zwischen Zuschauer und dem Mikrokosmos der Zwillinge. Wir verbringen Zeit mit diesen Charakteren. Und Gröning verlässt sich gänzlich auf das Prinzip, dass die Zeit uns den Menschen näher bringt.

Umso schwerer nachzuvollziehen ist dann aber ihr plötzlicher emotionaler wie physischer Ausbruch am Ende des Films. Es kommt zu Handlungen, die verstörend sind. Die Figuren, für deren Gedanken und Psychologie sich Gröning so viel Zeit gelassen hat, werden am Ende zu Figuren, deren Gedanken und Psychologie innerhalb eines fatalen Moments nicht mehr verständlich sind. Gröning selbst sagt dazu: „Ich halte nichts von Filmen, in denen am Schluss erklärt werden muss, warum jemand eine Pistole hält und jemanden erschießt.“ Gewalt hält der Filmemacher für einen Riss. „Wenn du diesen Riss weg machst und sagst, das ist alles wegen der schlimmen Kindheit, dann ist das ehrlich gesagt eine massive Verharmlosung.“

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist sicherlich der kontroverseste Wettbewerbsbeitrag, fügt sich aber in das Selektionsschema der Berlinale als Art-House-Film par excellence gut ein. Der Film ist keine Unterhaltung, sondern Erfahrung. Das, was er anregt, ist immerhin eine Auseinandersetzung mit der existenziellen Frage nach dem Sinn des Seins und welche Rolle Zeit dabei spielt.

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot                                         
Deutschland, 2018
Regie, Buch, Kamera: Philip Gröning
Mit: Josef Mattes, Julia Zange, Urs Jucker, Stefan Konarske
176 Minuten
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