Im Nirgendwann

Christian Petzolds neuer Film „Transit“ hat viele auf der Berlinale überrascht. Die sehr frei interpretierte Verfilmung von Anna Seghers Roman wurde als Favorit für den Goldenen Bären im Wettbewerb gehandelt – geht aber leer aus. Petzold setzt auf ein gewöhnungsbedürftiges, spannendes Regiekonzept, das Raum und Zeit in der Schwebe belässt.

Von Benedikt Mahler

Von Benedikt Mahler

Benedikt Mahler

Benedikt Mahler (*1990 in Memmingen) wuchs mit sechs älteren Geschwistern im Allgäu auf. Nach dem Abitur assistierte er am Landestheater Schwaben, bevor er in München Kunst- und Theaterwissenschaft, Ethnologie und Philosophie studierte. Er lernte den Kulturbetrieb der Münchner Kammerspiele und der Bayerischen Staatsoper kennen, wo er als Regieassistent engagiert war. Als Kulturjournalist und Kritiker schreibt er u. a. für die Süddeutsche Zeitung Filmbesprechungen und Literaturkritiken. Seit Oktober 2017 ist er Redaktionsleiter des Hörfunkformats „Cult auf die Ohren“, das in Kooperation mit dem freien Radio München zweimal monatlich produziert wird.

Auf der Flucht vor der Wehrmacht, die schon vor Paris steht, ist Georg in letzter Minute nach Marseille geflohen. Dort schlendert er durch die Straßen, als er plötzlich in eine Polizeikontrolle gerät, aufgefordert wird, seine Papiere vorzuzeigen. Er handelt schnell, schlägt den Beamten nieder und entkommt fürs erste.

Menschen wie Georg tummeln sich dieser Tage viele in Marseille. Hier darf nur bleiben, wer beweisen kann, dass er gehen wird. Die Geflüchteten, die sich dort aufhalten, hoffen auf eine Ausreisegenehmigung nach Amerika. Georg hat Glück. Der Zufall spielt ihm die Hinterlassenschaft des deutschen Schriftstellers Weidel in die Hände, der sich aus Angst vor seinen Verfolgern das Leben genommen hat: In seinem Nachlass befinden sich Manuskripte, Briefe und die Zusicherung eines Visums durch die mexikanische Botschaft. Georg nimmt die Identität von Weidel an, versucht eine der wenigen Schiffspassagen zu ergattern, um ausreisen zu können. Doch seine Pläne ändern sich, als er der geheimnisvollen Marie begegnet. Sie hat ihren Mann verlassen und wartet darauf, ihn wiederzutreffen. Denn er verwahrt ihre Ausreisepapiere.

Christian Petzolds Film „Transit“ beruht auf Anna Seghers’ im Exil verfassten gleichnamigen Roman. Die Geschichte spielt eigentlich im Marseille der 1940er-Jahren. Regisseur Petzold hat als Schauplatz für den Film allerdings das heutige Marseille gewählt. Und das mit einer Selbstverständlichkeit, die verblüfft. Statt Gestapo oder SS stürmt etwa eine Sondereinheit der französischen Polizei Georgs Hotelzimmer. Im Café zahlt Georg mit Euro. Dagegen ist sein Reisepass ein historisches Dokument. Petzold versucht weder, diesen seltsamen Anachronismus im Film zu rechtfertigen, noch übersetzt er das Historische einfach in die Gegenwart. Diese Geschichte schwebt im zeitlosen Raum und die Figuren mit ihr. 

„Transit“ spielt nicht im Damals oder Heute, sondern im Nirgendwann. Vergangenheit und Gegenwart lösen sich im Stillstand auf. Die Menschen, die hier wandeln, sind Menschen, die warten. Das wird durch die vielen Flüchtlingsgespräche in den Korridoren des kleinen Hotels, in den Wartezimmern der Konsulate, in Cafés und den Bars am Hafen deutlich. Diese Menschen warten auf einen Geliebten, auf ein neues Leben oder auf den Tod. Das Gefühl von Warten ähnelt dabei sehr dem Gefühl von schmerzlicher Ewigkeit. Das transportiert der Film „Transit“ auf ganz wundersame Weise, ohne dabei auch nur einen Moment langatmig zu werden.

Transit
Deutschland, Frankreich 2018 
Regie: Christian Petzold
Kamera: Hans Fromm
Darsteller: Franz Rogowski, Paula Beer, Godehard Giese, Lilien Batman, Maryam Zaree, Barbara Auer, Mathias Brandt, Sebastian Hülk
104 Minuten
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