Das Recht an der eigenen Geschichte

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Berlinale 2018: Als 1989 der eiserne Vorhang fiel, war Bojina Panayotova acht Jahre alt. 20 Jahre später entsteht ihr Film „Je vois rouge“, eine Bild- und Ton-Collage, die auch eine Erforschung der eigenen Familiengeschichte ist.

Von Ella Tiemann

Von Ella Tiemann

Ella Tiemann

Geboren in München, laufen gelernt in langen Kunstakademie-Gängen, gespielt im väterlichen Theaterzelt. Dann Kleinstadtjugend an Seeufer und Bergfuß. Abitur, so irgendwie. Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften in Innsbruck und München. Faszination entdeckt, am Mikrofon zu sprechen (Radio M94.5), über die Münchner Kulturlandschaft zu bloggen (mucbook) und für ein internationales Ausstellungshaus zu kommunizieren (Haus der Kunst). Ständige Wegbegleiter: ein popfeministisches Magazin und ein Islandpferd.

Das Land, in dem Bojina Panayotova geboren wurde, hat heute post-totalitäre Strukturen. Ihre Familie verließ Bulgarien 1989 kurz nach der Wende und ging nach Paris. 20 Jahre später kehrt die junge Frau nach Sofia zurück. Sie spürt: Es gibt etwas Unausgesprochenes in ihrer Familie. Also folgt sie ihrem Gespür mit dem Vorhaben, all die Splitter der Vergangenheit zusammenzusetzen. Der Prozess der Erforschung und Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte, in seinen vielschichtigen Dimensionen, wird eine ebenso mehrlagige wie intime dokumentarische Filmform. Die Regisseurin montiert Familienvideos, aufgenommene Skypegespräche, Archivaufnahmen, Handy-Videos und Bilder von Überwachungskameras zu einer persönlichen Erzählung um politische Familiengeheimnisse und deren Auswirkungen.

Kinderreihen marschieren adrett uniformiert mit flatternden roten Halstüchern. In Formation wiegen sich auch die Weizenfelder. Die nächsten Bilder im sepia-colorem Super-8-Format zeigen eine Kleinfamilie am Strand. Die Eltern posieren stolz vor der Motorhaube eines Mercedes.

Als Bojina Panayotova auf Filmmaterial stößt wie das ihrer Großeltern vor ihrem blauglänzenden Statussymbol, wird ihr bewusst, dass ihre Familie für die damalige Zeit äußerst privilegiert war. Eine Ahnung, dass sie diese Privilegien vielleicht nicht grundlos genoss, lässt sie ihre Spurensuche beginnen. Sie stellt den Eltern unbequeme Fragen, verfolgt Indizien und wird zur politischen Aufklärerin. Mit jedem einzelnen Filmfragment wächst aber auch der Konflikt zwischen den Generationen: der Wunsch zu Vergessen einerseits und der Versuch der Vergangenheitsbewältigung andererseits.

Als Panayotovas Nachforschungsdrang obszessive Züge annimmt und sie die persönlichen Grenzen und Gefühle ihrer Mutter überschreitet, findet das Projekt ein jähes Ende.
Einige Jahre später, inzwischen selbst Mutter geworden, kann sie ihr Scheitern akzeptieren. Die Fragen nach Loyalität, postkommunistischer Überheblichkeit und das Recht an der eigenen Geschichte, über die sie mit ihren Eltern in Streit geriet, stellt sie selbstreflexiv über das Gelingen der eigenen Produktion. So ist das Scheitern des Films keinesfalls das Ende der Geschichte, sondern eben nur ein Teil ihrer Erzählung.

Je vois rouge
Frankreich/Bulgarien 2018
Regie: Bojina Panayotova
Kamera: Bojina Panayotova, Xavier Sirven
Dokumentarische Form
83 Min.