Der Gärtner und die Kämpfer

Jang Keun-suk und Mina Fujii. Foto: Kim Ki-duk Film

Berlinale 2018: Kim Ki-duk zieht der Menschheit in seinem Film „Inkan, gongkan, sikan grigo inkan / Human, Space, Time and Human“, der in der Panorama-Reihe läuft, den Boden unter den Füßen weg.

Von Michael Kohl

Von Michael Kohl

Michael Kohl

Studium der Kunst- und Kulturgeschichte (2014-2017) und Theater-, Film- und Fernsehkritik (seit 2017). Schwerpunkte: Bildende Künste und Film. Als Kunststudent, Cineast, Theatergänger und als nebenberuflicher Statist an der Bayerischen Staatsoper kenne ich beide Seiten des Münchener Kulturlebens: das Arbeiten für die und das Erleben von Kunst.

Und plötzlich hebt das Kriegsschiff ab, schwebt durch die Wolken. Die bunt zusammengewürfelte Besatzung und die Passagiere wundern sich zuerst, dann bricht Panik aus. Es bilden sich Hierarchie- und Abhängigkeitsstrukturen. Die Ausgangssituation erinnert an Bong Joon-hos „Snowpiercer“, in dem ein Klassenkampf à la Marx in einem fahrenden Zug ausbricht, und an Ben Wheatleys „High-Rise“, in dem dasselbe in einem Hochhaus passiert. Isolierte Orte werden in diesen Filmen zu einem Experimentierfeld von sozialen Utopien, die meistens scheitern, was auch auf die Entwicklung im Luftschiff aus Kim Ki-duks neuem Film „Inkan, gongkan, sikan grigo inkan / Human, Space, Time and Human“ zutrifft.

Die Menschen trennen sich nach dem Abheben in drei Lager: der Kapitän und seine Crew, der Senator und seine Schergen – und alle restlichen Passagiere. Doch der Klassenkampf wandelt sich wegen den geringer werdenden Essensrationen in ein Survival-of-the-fittest-Gemetzel. Jeder gegen jeden. Da wird sogar die Prostituierte zur Kannibalin.

Der Lichtblick ist ein alter, stummer Mann mit weißen Bart, der heimlich eine Art Gewächshaus in einer Kabine anlegt. Er kämpft nicht um die Reste, sondern arbeitet produktiv an einer Zukunft. Eine symbolische Rolle für die Zukunft übernimmt eine vergewaltigte Frau. Ohne den Vater zu wissen, schützt sie ihr Baby. Ist das die Hoffnung für die Zukunft? Nachdem sich alle gegenseitig abgeschossen, abgestochen oder aufgegessen haben und einige Jahre vergangen sind, machen auf dem mittlerweile begrünten Schiff Sohn und Mutter ein idyllisches Picknick.

Dann fällt ein Schuss. Und die Unschuld des Paradieses ist ein weiteres Mal verloren. Kim Ki-duks pessimistische Sicht auf die Menschheit muss man nicht unbedingt teilen. Eindrücklich bleibt sie dennoch.

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